Zeitdiebe – Teil 3 (Technik)

Jede neue Technik kam bisher mit dem Versprechen daher Zeit zu sparen. Eine E-Mail ist schneller als ein Brief oder ein Telegramm. Eine Waschmaschine erspart Zeit und körperliche Arbeit. Immer mehr neue Technik macht unser Leben leichter und bringt uns vermeintlich mehr freie Zeit.

Heute leben wir in einer von Technik durchtränkten Zeit, doch ich frage mich ernsthaft: Wenn immer mehr Technik zu immer mehr gesparter Zeit führt, warum hetzen wir alle dann alle noch mehr als jemals durch unser Leben und haben so oft das Gefühl eben keine Zeit zu haben?

In Teil 3 meiner Serie zu Zeitdieben will ich dieser Frage nachgehen. 

Je länger ich über dieses Phänomen nachdenke, desto mehr komme ich zu folgendem Ergebnis: Moderne Technik kann uns sehr viel Zeit sparen und unser Leben einfacher machen, wenn man sie bewusst einsetzt und zugleich einigen Fallen aus dem Weg geht. Am besten lässt sich das durch einige sehr bekannte Beispiele darstellen.

Die Waschmaschine ist zumindest in der westlichen Welt extrem weit verbreitet. Und natürlich spart sie uns Zeit, denn wir müssen unsere Wäsche nicht mehr unten am Fluss oder in einem großen Bottich in der Waschküche waschen.

Aber hier tappt man schnell in den sogenannten Rebound-Effekt. Denn die Zeitersparnis funktioniert nur, solange man mit der neuen Technik (Waschmaschine) im wesentlichen weiter lebt, wie zuvor.

Das Gegenteil ist aber der Fall. Dank der Waschmaschine kaufen wir uns mehr Wäsche als jede Generation vor uns und ich behaupte einmal, dass wir unsere Wäsche auch viel häufiger waschen, als jede Generation vor uns. Wir sparen also im Normalfall kaum Zeit.

Das gleiche passiert bei vielen modernen technischen Geräten. Wir schreiben unglaublich mehr E-Mails (und müssen sie potentiell auch Lesen oder zumindest überfliegen) als Briefe. Mit Erfindung des Smartphones wurden wir befreit vom lästigen Tippen auf den alten Handys. Doch statt die bisherige Anzahl von SMS in einem Bruchteil der Zeit zu erledigen, tippen wir ungleich mehr Nachrichten in whatts-app Gruppen und anderen Messangern.

Jede neue Technik scheint dazu zu führen , dass wir noch schneller Rennen und am Ende uns noch gehetzter fühlen als jemals zuvor.

Die neuen Erfindungen, die sich jetzt schon anbahnen, machen da keinen Unterschied. Noch vor ein paar Jahren, war ich ein echter Verfechter von modernen Techniken. Sie haben das Potential unser Leben einfacher zu machen und ermöglichen uns weniger arbeiten zu müssen. Heute sehe ich das kritischer.

Werfen wir einen kühnen Blick in die Zukunft, sagen wir, 10 Jahre in das Jahr 2026. Anstatt Nachrichten selbst zu schreiben, werden wirklich gute Spracherkennung-Algorithmen uns diese Arbeit abnehmen. Wir werden in Autos sitzen, die uns autonom an unser Ziel bringen. Vielleicht werden wir eines Tages sogar Haushaltsroboter haben, die für uns Kochen, Waschen und den Müll rausbringen. Theoretisch hätten wir dann soviel Zeit gewonnen, dass wir fast nur noch Freizeit zur Verfügung hätten. Der Rebound-Effekt droht aber die eingesparte Zeit aufzufressen.

Weitere Faktoren kommen hinzu. Die Technik will bezahlt werden. Das heisst, einen Teil der neuen freien Zeit im selbstfahrenden Auto werden wir dann damit verbringen das Geld zu verdienen, um die autonome Mobilität bezahlen zu können. Dank eines fließenden Übergangs zwischen Privat- und Arbeitswelt werden wir uns dann glücklich schätzen, von zu Hause aus das Geld verdienen zu können, das wir brauchen, um den Roboter zu bezahlen, der jetzt für uns den Müll rausbringt.

Aber es gibt noch weitere Fallen, in die man mit Technik tappen kann. Jedes technische Gerät (ich glaube kaum, dass das in der Zukunft grundlegend anders sein wird), kostet Zeit. Angefangen beim Vergleich der Produkte, dann bei der Einrichtung, bei der Wartung und Einstellung der dahinterliegenden Software. Dank des Internets der Dinge dürfen wir uns dann in Zukunft mit den Informationen beschäftigen, die unsere Glühbirnen, Schuhe und Kühlschränke uns senden.

Vielleicht sparen wir auch noch mehr Zeit, da wir uns Dank 3D-Druck in ein paar Jahren viele Dinge spontan ausdrucken, anstatt sie liefern zu lassen. Das führt aber in einer Gesellschaft, die ihre freie Zeit meist nur dazu nutzt, um noch mehr zu Arbeiten oder zu Konsumieren, auch nicht zu einem besseren Leben. Wenn mehr Konsum, glücklicher machen würde, müssten wir seit Jahrzehnten alle immer glücklicher geworden sein. Warum boomen dann Bücher rund um das Glück so sehr? Warum steigen die Erkrankungen an Depression stetig an? Warum sind die Menschen, die gerne zur Arbeit gehen, dann nicht in der Mehrheit?

Wer auf neuste Technik setzt, hat häufig noch ein weiteres Problem: Da immer häufiger der Konsument der ersten Stunde die bisherigen Testabteilungen ersetzt, dürfen wir uns auch mit den Kinderkrankheiten herumschlagen. Unter Nerds ist das ja heute schon fast zu einer Ehre geworden. Wie selbstverständlich gibt man sein Geld her für ein unfertiges Produkt, willigt gerne ein die Fehlermeldungen an den Hersteller zu übermitteln und fühlt sich fast schon als Teil der Company.

Ich verbringe meine Zeit nur noch ungerne mit der Behebung von Kinderkrankheiten bei technischen Geräten. Ich empfinde es auch nicht als coolen sozialen Kontakt zwei Stunden ein persönliches Gespräch mit einem Techniker zu führen, ganz gleich bei welchem coolen Unternehmen er angestellt ist.

Natürlich führt die schöne Technik auch fast zwangsläufig zu Folgekäufen. Wer hat keine Hülle für sein smartphone? Vielleicht darf es auch noch ein Zusatzakku sein, Kopfhörer sowieso und wer sein Handy besonders mag, versichert es auch gleich gegen Zerstörung von sich selbst.

Die ganze schöne neue Technik führt häufig auch dazu, dass wir uns sorgen, wir könnten die Technik verlieren. Weil wir sie uns in zwei Jahren (die neuen Modelle) nicht mehr leisten können, weil wir gesteigert Gefahr laufen bestohlen zu werden oder sie im normalen Alltag beschädigen.

Aber welche Weisheit, welchen Vorteil kann man aus all diesen Überlegungen ziehen? Ich bin kein kategorischen Technikverweigerer. Ich nutze gerne weiterhin ein Handy, meinen Laptop, schreibe gerne weiter E-Mails und nutze das Internet, um mein Leben zu erleichtern, bin nicht zuletzt auch ein Freund des online Bankings und Wasche meine Wäsche natürlich in einer Waschmaschine.

Ich bin jedoch bemüht meinen Output, meinen persönlichen Umsatz nicht weiter zu steigern und die Vorteile der Technik dadurch mehr zu nutzen und mich vor allem dem Rebound-Effekt aus dem Weg zu gehen.

Ich schreibe nur noch annähernd so viele Textnachrichten, wie ich früher SMS geschrieben habe. Das entspannt ungemein und ist eine wirkliche Zeitersparnis.

Trotz online-Banking, schaue ich nicht dreimal am Tag auf mein Konto (warum auch?) und als Minimalist bin ich ohnehin bemüht meinen Kleiderschrank auszudünnen, mit zwei Wäscheladungen könnte ich vermutlich meinen gesamten Kleiderschrank durchwaschen.

Außerdem habe ich mich vom Gedanken befreit immer auf dem neusten Stand der Technik sein zu müssen. Natürlich wäre es bestimmt mal lustig so einen Quadrocopter fliegen zu lassen. Ich empfinde es aber nicht als Verzicht, es nicht zu tun. Außerdem habe ich mich davon befreit mir Sorgen darüber zu machen, ob meine noch existierenden elektronischen Helferlein irgendwann ihren Geist aufgeben.

So versuche ich mich weiter von überflüssiger Technik zu befreien und die hilfreiche und notwendigen Geräte (Waschmaschine, Mobiltelefon) so sinnvoll und zeitsparend wie möglich einzusetzen.

Wie haltet ihr es mit moderner Technik? Gibt es technische Geräte, auf die ihr ganz verzichtet und habt ihr diese vielleicht sogar noch nie gehabt? Oder habt ihr euch in den letzten Jahren von bestimmten technischen Geräten befreit und welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht?

Marco Mattheis, am 28.Mai 2016

 

 

 

 

 

5 thoughts on “Zeitdiebe – Teil 3 (Technik)

  1. mnmlst

    Bin gerade über den Minimalismus-Podcast auf Deinen Blog gestossen. Sehr schön. Ich fange genau heute mit einer 30-tägigen Challenge an und werde komplett auf mein Smartphone verzichten. Also auch keine SMS und Anrufe. Nach den 30 Tagen entscheide ich dann ob es Sinn macht, komplett darauf zu verzichten.

    Reply
  2. Bettina

    Was machen wir, wenn von heute auf morgen die Technik ausfällt? Es keinen Strom mehr geben wird? – Dann stehen wir da wie der Ochs vorm Tor. Am besten mal über Alternativen nachdenken wie: Waschen mit der Hand, Mixen mit dem Schneebesen, Kerzen statt elektrischem Licht, Holzofen statt E-Herd,…

    Reply
    1. marcomattheis Post author

      Kann man immer gerne drüber nachdenken, ich wäre aber eher dafür, dass wir alle darüber nachdenken, wie wir in Zukunft den großen Crash verhindern können, in dem wir uns auf das nötigste beschränken. Auf eine Waschmaschine möchte ich nicht verzichten, gerne teile ich sie mit vielen anderen, damit es sich lohnt. Auf den Fernseher und den Kühlschrank, die zusammen soviel verbrauchen, wie 5 Waschmaschinen, darauf kann ich gut verzichten. Und nicht alles was alt ist, ist auch automatisch besser. Für Kerzen werden zum Teil auch Palmöle gebraucht, für die der Regenwald abgeholzt wird. Es wäre ein guter Schritt, wenn ich auf einem Produkt, die Geschichte des selbigen nachlesen könnte etc.

      Reply

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.