Zeitdiebe – Teil 2 (Beziehungen und soziale Netzwerke)

Was soll das denn heißen? Wie kann man denn menschliche Beziehungen als Zeitdiebe bezeichnen?

Meine Partnerin, meine Eltern, meine besten Freunde stehlen mir doch keine Zeit! Das meine ich auch nicht. Menschliche Beziehungen sind ungemein wichtig, aber wirklich alle? Und so viele wie möglich?

In Teil 2 meiner Serie über Zeitdiebe, möchte ich über unseren modernen Umgang mit Freundschaft und sozialen Beziehungen im allgemeinen sprechen. Ausgangs ist dabei meine Aussage aus Teil 1 (Freizeit):

Unsere Zeit ist begrenzt. Wir können sie nicht vermehren, höchstens vollstopfen.

Laut einer Studie liegt die durchschnittliche Anzahl facebook Freunden bei 342!  Das sind für mich aber in der Regel nicht alles Beziehungen, wie man sie üblich als Freundschaft versteht.

Aber hier folgt keine schlichte facebook Kritik. Meine Meinung zu facebook ist recht simpel: Facebook ist für mich wie ein Stift. Du kannst damit herrliche Gedichte verfassen, oder dich an der Diskussion auf der Innenseite der Toilettentür beteiligen. Es kommt darauf an, wer den Stift hält und wem er was zu sagen hat.

Also ja, man kann auch tolle soziale Beziehungen im Internet und insbesondere bei facebook haben. Bestimmt. Ich persönlich habe das nicht, anderen möchte ich das aber nicht absprechen. Vor allem nicht, wenn es darum geht bestehende Freundschaften aufrecht zu erhalten.

Aber eines ist mir an sozialen Beziehungen besonders wichtig und ich bin ganz fest davon überzeugt, dass dies eines der wichtigsten Elemente überhaupt ist, wenn es um gute soziale Beziehungen geht. Es sind gemeinsame Erlebnisse. Du die sind kaum online möglich.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum Kinder so leicht Freundschaften schließen. Sie erleben so leicht gemeinsam Abenteuer. Wenn ich mich an meine Kindheit zurück erinnere, dann sind die besonders festen und langhaltenden Freundschaften beim Budenbau im Wald entstanden.

Ähnlich im Jugendalter. Gemeinsam rebellieren, gemeinsam etwas erleben. Weiter ging es auf dem Weg zum Abitur, dann etwas später auch während meines Wehrdienstes. Gemeinsam im Dreck liegen mag nicht schön sein, aber es verbindet. Und dann das Studium: Gemeinsame Lerngruppen, gemeinsame Seminare und Abende bei einem Bier mit Diskussionen über Sozialstaatsmodelle und wie die Welt zu verändern wäre. In diesen Lebensphasen haben sich immer wieder gute Freundschaften entwickelt. Ohne ein gemeinsames Erlebnis wäre das nicht möglich gewesen.

In Punkto Zeitdiebe läuft das alles auf eine Misere hinaus. Wir können unmöglich so viele Freundschaften pflegen, wie wir es vermutlich gerne würden.

Oder um es sinngemäß mit den Worten von Hartmut Rosa zu sagen: Am Ende des Tages steigen wir alle als schuldige Subjekte ins Bett, weil wir es wieder nicht geschafft haben alle unsere Freundschaften zu pflegen.

Das ist dann vielleicht auch der Grund, warum Angebote wie facebook, whattsapp, skype usw so erfolgreich sind. Sie versprechen uns, dass wir die Anzahl unserer sozialen Beziehungen steigern können.

Ich halte das aber für einen Trugschluss. Eine Freundschaft lässt sich auf Dauer nicht über soziale Netzwerke aufrecht erhalten, wenn hier keine gemeinsamen Erlebnisse erzeugt werden. Soziale Netzwerke sind praktisch, wenn es darum geht gemeinsame Erlebnisse zu koordinieren.

Wenn das so ist, oder zumindest häufig so ist, dann heisst das für mich aber zwangsläufig, dass viele Menschen eine Menge Zeit investieren in den Versuch soziale Bindungen zu pflegen, ohne dass dies dauerhaft zu einem Erfolg führt.

Daher sind für mich soziale Netzwerke auch Zeitdiebe, die man zuerst gar nicht als Verdächtigen im Blick hat.

Ich wage mich weit aus dem Fenster, aber meine eigene Erfahrung zumindest ist, dass sich über soziale Netzwerke keine echten sozialen Bindungen von Null aufbauen lassen, ganz ohne gemeinsame Erlebnisse. Vielleicht ist auch das der Grund, warum häufig dann doch noch Treffen ausserhalb des Netzes stattfinden.  (Stammtische, Hörertreffen etc.)

Daher sehe ich die Gefahr, dass wir gerade durch den Versuch durch das managen einer Masse von Freundschaften über soziale Netzwerke, zwangsweise auf tiefe soziale Bindungen verzichten, ohne es zu merken.

Meine Erkenntnis aus diesen Gedanken ist, dass ich die sozialen Netzwerke (wenn überhaupt) nur noch dazu nutze um persönliche Treffen zu organisieren und nur in sehr wenigen Ausnahmen sie selbst zur Kommunikation nutze.

Das gilt sowohl für facebook wie auch für Textkommunikation per whatsapp und co. Lieber telefoniere ist ich ein paar Minuten und nutze die Textkommunikation nur noch für die Übermittlung von Zahlen, Daten etc.

Wie geht ihr mit den sozialen Netzwerken um? Empfindet ihr sie als nützlich zum Aufrechterhalten von Freundschaften, habt ihr vielleicht sogar echte Freundschaften nur über soziale Netzwerke entwickelt?

Marco Mattheis, am 23. Mai 2016

 

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