Zeitdiebe – Teil 1 (Freizeit)

Minimalismus ist so viel mehr als nur das Ausmisten von überflüssigen Dingen im Haushalt. Daher möchte ich mich an eine kleine Reihe wagen, die sich näher beschäftigt mit der Reduzierung von Zeitdieben in unserem modernen Leben.

Die Artikelreihe richtet sich an alle Leser, die regelmäßig das Gefühl haben, sie hätten kaum Zeit für sich, also an all jene, die unter Zeitdruck leiden.

Ich schreibe dies aber auch für alle Minimalisten und Downshifter, die sich inhaltlich noch einmal mit Zeitdieben beschäftigen wollen und ihre Erfahrungen und Erkenntnisse mit anderen teilen wollen.

Teil 1 – Freizeit

Hast du heute schon deinen Gedanken nachgehangen? Und was hat Freizeit mit Zeitdieben zu tun?

Meiner Erfahrung nach leben wir in Deutschland (vermutlich in ganz Europa) in einer sehr künstlichen Zeitaufteilung. Es gibt die Arbeitszeit (in der Regel 40 Std/Woche Vollzeit) und: Die Freizeit.

Von der Freizeit muss man dann noch den Schlaf abziehen und natürlich die ungeliebten Verpflichtungen Haushalt (Einkaufen, Wäsche, Spülmaschine, Auto saugen usw.).

Der Rest ist dann Freizeit. Also der Jahresurlaub und die Zeit am Abend auf der Couch, das Wochenende mit dem wöchentlichen Besuch bei den Eltern und die Verabredung mit Freunden. Dann noch die einzelnen Events: Kinobesuche, Bowling, Tanzkurs, Hobbys, Lesen usw. Sollte dann doch einmal Zeit unverplant sein, haben wir ja noch den Fernseher, oder das Internet, bisweilen beides gleichzeitig.

Nicht überraschend also, dass wir häufig das Gefühl haben, zu wenig Zeit zu haben. Tatsächlich haben wir auch gar keine Zeit, nämlich keine freie Zeit. Nur eine vollgestopfte Freizeit.

Freie Zeit ist nämlich das, was viele Menschen sich wünschen. Zum Beispiel einmal nur aus dem Fenster schauen, einfach mal in die Weite blicken, einfach mal nachdenken. Und ich meine nicht das zwanghafte Grübeln, was einen Nachts nicht einschlafen lässt, wenn das Gehirn sich mit aller Macht sein Recht holt. Das ist eher ein Symptom dafür, dass wir dabei sind uns permanent zu überfordern.

Und statt einer Befreiung vom Freizeitstress, suchen wir uns dann noch zusätzlich einen Meditationkurs, in dem wir das Ruckeln und Zuckeln nicht ausschalten können und einfach nicht zur Ruhe kommen.

Das wirklich tragische an dieser Thematik ist, dass jeder Freizeitgestresste nur ein paar Schritte gehen müsste, um wieder frei durchatmen zu können, damit Freizeit nicht weiterhin zum Stressfaktor mutiert. Schritte, für die es aber kaum eine Lobby gibt und die man selbst gehen muss. Das funktioniert eben nicht mit einer app, die einem sagt, was genau man tun soll. Sorry!

Welche Schritte sind das? Zum einem die Erkenntnis, dass die eigene Zeit begrenzt ist. Klingt banal, sollte man aber einmal gründlich drüber nachdenken und dann seine Schüsse daraus ziehen.

Das ganze Konzept Freizeit gründet auf einer leichten Rechenübung, die jeder für sich selbst ausführen kann: Sie fängt mit der Zahl 24 an. Das sind die Stunden, die einem jeden Tag wieder aufs neue zur Verfügung stehen. Nach Abzug von Schlaf, Arbeitsweg und Arbeit, Einkauf und Hausarbeit, bleiben jeden Tag ein paar Stunden an Freizeit.

Quetscht man in diese wenigen Stunden zu viel Hobbys und vermeintlich schöne Dinge, läuft das Fass über. Das erkennt man dann daran, dass man immer häufiger in die Multitasking Falle tappt:

Podcast hören bei 120 auf der Autobahn, an der Kasse stehen und auf dem smartphone ein Buch lesen, auf die Bahn warten und Musik hören oder die sozialen Netzwerke abarbeiten. Whattsapp während man auf dem Weg irgendwohin ist oder selbst wenn man auf dem Klo sitzt.

Die Wissenschaft nennt dieses Phänomen die Nachverdichtung unserer Zeit (vgl. Prof. Nico Paech und Prof. Hartmut Rosa). Weil wir einfach nicht mehr Zeit erschaffen können, müssen wir die vorhandene immer voller stopfen. Schöner wird dadurch aber nichts. Viel mehr stellt sich in solchen Momenten häufig ein Stressgefühl ein.

Diesen erhobenen Finger darf ich an dieser Stelle einmal rausholen, er zeigt nämlich auf mich selbst vor etwa 2 Jahren. All die aufgezählten Dinge habe ich regelmäßig getan, weil ich gefühlt nicht genug Freizeit für mich selbst hatte. Da sieht man also auch wieder einmal, dass Minimalismus der Dinge (Entrümpeln) alleine zwar mehr Zeit bringen kann, stopft man die frei gewordene Zeit dann aber mit nach mehr Hobbys und Projekten voll, hat man keine wirkliche Entlastung geschaffen. Das Leben ist dadurch nicht einfacher geworden.

Wie anders kann man erklären, dass so viele Menschen sich heute in ihrer Freizeit gestresst fühlen, obwohl keine Generation vor uns so viel Freizeit hatte, wie wir?

Heute habe ich zum Glück viel häufiger echte freie Zeit. Zum Beispiel wenn ich meine Tochter ins Bett bringe und neben ihr liege und sie langsam einschläft. Das ist freie Zeit. Da lasse ich die Gedanken häufig schweifen und schaue einmal wo sie mich hinführen. Oder ich fahre die Gedanken herunter in einen Ruhemodus und übe mich weiter in Meditation.

Eine weitere unangenehme Erkenntnis nach der Begrenztheit der Zeit ist dann die Einsicht, dass es mehr schöne Dinge gibt, als man tun kann. Was von all den schönen Dingen soll ich denn auch sein lassen? Das ist meine alte Stimme. Ich höre doch gerne Podcasts, ich bin doch gerne mit all meinen Bekannten in stetem Austausch und pflege meine sozialen Kontakte. Das ist doch wichtig und gut. Das soll man doch tun. Und Lesen bildet, Musik hören entspannt und regelmäßig Sport ist auch wichtig, Meditation ist gut für den Geist und ausserdem wollte ich noch dringend diesen tweet absetzen, jenen Blogartikel lesen, das neue lustige YouTube video schauen und einen Artikel auf meinem blog verfassen.

Die Wahrheit ist bitter: Es geht eben nicht alles. Die Welt hat mehr zu bieten, als wir jemals genießen können.

Wir müssen also schlicht Dinge weglassen, wenn wir uns nicht völlig überfordern wollen. Dinge zu verpassen, kann ein Befreiungsschlag sein. Ich verpasse eine Menge Nachrichten und alle tweets dieser Welt. Ich verpasse viele interessante Bücher und tausende von Stunden podcasts, die ich wirklich gerne hören würde. Ich verpasse auch tausende von interessanten Blog Artikeln.

Das führt aber auch zu einer Steigerung der Qualität. Ich kann nicht behaupten, dass ich nur noch das tue, was mich am meisten interessiert, aber die Quote steigt allmählich.

Was genau man weglässt, wenn es einem zu viel geworden ist, das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Aber die Begrenztheit der Zeit ist eine Tatsache und eine weitere Verdichtung der Freizeit ist eben keine Lösung.

Alle Versuche diese Wahrheit zu Umgehen, sind meiner Meinung nach hilflose und bisweilen fragwürdige Methoden: Natürlich kann man eine Putzhilfe einstellen, weniger Schlafen, auf der Arbeit heimlich ein Buch lesen und nur noch Fertiggerichte essen. Aber die Liste der Dinge, die man auch noch gerne machen würde, hat nunmal kein Ende.  Man muss wohl oder übel also mit dem Gefühl leben, dass es da draußen noch so viele Sachen gibt, die man auch noch gerne machen würde, es aber nicht kann.

Ich habe echte freie Zeit sehr schätzen gelernt. Einfach nur Bahn fahren und aus dem Fenster schauen eben. Oder einfach nur auf dem Bahnsteig stehen, an der Kasse warten und im Augenblick sein. Das nimmt sehr viel Druck aus dem Kessel und plötzlich fühlt sich ein Tag ganz anders an. Je weniger verdichtet die Freizeit ist, um so mehr Zeit hat man gefühlt. Die Tage werden länger und ruhiger.

Auch Beziehungen zu anderen Menschen sollte man dabei nicht außer Acht lassen. Das ist ein heikles Thema, will man doch niemandem vor den Kopf stoßen. Darüber schreibe ich dann im nächsten Teil meiner kleinen Serie zum Thema Zeitdiebe.

Marco Mattheis, 15. Mai 2016

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