Wie entkomme ich dem Multitasking?

Immer der Reihe nach. Immer mit der Ruhe. Eins nach dem Anderen. Ich habe mir fest vorgenommen jegliches Multitasking einzustellen. Ich lasse mich nicht mehr aus der Ruhe bringen. Guter Vorsatz bei Duschen. Eine Minute später stehe ich mit einem Handtuch bekleidet nass im Wohnzimmer während sich unter mir eine Tropfwasserpfütze bildet. Das Telefon hatte geklingelt. 

Bisher war ich der Meinung, dass es mir recht gut gelingt unerwünschte Gewohnheiten abzustellen. Ich habe mit dem Trinken von Softdrinks aufgehört und in einer Stunde fängt ein neuer Tag an, dann habe ich seit vierzehn Tagen keinen Zucker mehr irgendwo hineingestreut.

Ich habe eine ungefähre Vorstellung von dem Typen, der ich eigentlich gerne wäre. Kein Hektiker, kein Haster, kein vom Piepen und Klingeln, vom Surren und Vibrieren Gejagter. Eher gelassen und ruhig. So in sich ruhend. Jedenfalls für ein paar Stunden pro Tag. Das wäre doch schon ein Anfang.

Alles was ich will ist mich nicht von weniger wichtigen Dingen bei gerade wichtigen Dingen ablenken lassen, will mich auf eine (1) Sache konzentrieren können. Auch länger als nur fünf Minuten. Und ich will am Abend noch wissen, was ich am Tag getan habe. Das ist leider nicht immer so. An manchen Tagen kann ich kaum sagen, was ich zum Mittag gegessen habe. Ich laufe zwar nicht wie ein Zombie durch die Welt, aber lasse mich eben viel zu häufig von irgendetwas ablenken. Das wird die nächste Gewohnheit, die ich ändern will. Sobald ich hundert Tage – solange brauche ich um eine Gewohnheit zu ändern – keinen extra Zucker gebraucht habe, soll es losgehen. Bis dahin will ich testen und analysieren.

Ich habe den Verdacht diesmal wird es schwierig. Dabei ist es diesmal besonders wichtig. Ich kehre im November nach dann zehn Monaten Elternzeit in meinen Beruf zurück. Sich um meine Tochter zu kümmern ist eine Aufgabe, die meine ganze Aufmerksamkeit erfordert, aber die Ablenkungen von Außen sind deutlich weniger als im Büroalltag. Weil die Priorität so absolut klar ist. Wenn meine Tochter sich gerade in echte Gefahr begibt, kann es im selben Moment an der Tür und dem smartphone klingeln, dann kann ein Hängeschrank von der Wand krachen und ein Stein durch das Fenster fliegen während gleichzeitig drei E-Mails eintreffen, die ganz dringend sind. Für keinen Augenblick besteht ein Zweifel. Meine Tochter hat Vorrang.

Mit einem Kind an der Seite ist die Herausforderung eine andere. Da geht es eher darum sich nicht von Blödsinn ablenken zu lassen oder zu glauben das Kind könne auch nebenher laufen. Hier droht eher die Multitasking Falle. Das Kind nebenbei bespaßen während man mit der anderen Hälfte der Aufmerksamkeit am smartphone klebt. Kann man machen, hat man nur nichts von seinem Kind bzw. kriegt nur die Hälfte mit. Von beidem, dem Kind und dem smartphone.

Anders im Büro. Hier droht die Multitasking Falle deutlich brachialer. Im Büro werden wieder ein Dutzend von „das ist JETZT wichtig-Aufgaben“ gleichzeitig auf mich einprasseln. Dafür suche ich Werkzeuge um diesen Floskeln näher zu kommen, halt immer eins nach dem anderen zu tun. Damit es gut wird. Und damit es mir gut geht. Geht das überhaupt? Oder ist es unumgänglich, dass ich demnächst wieder eine E-Mail tippe während ich mit schiefem Hals telefoniere und die Person in der Tür bitte doch schonmal Platz zu nehmen? Kann Zen mir da vielleicht helfen? Vorsichtshalber habe ich mir heute mal zwei Bücher dazu in der Bibliothek vorgemerkt.

Als zweite Sofortmaßnahme habe ich den heutigen Tag einmal komplett ohne Multitasking verbracht. Naja, fast. Beim Aufhängen der Wäsche habe ich nebenbei einen Podcast gehört. An beides kann ich mich noch gut erinnern, also ist es irgendwie ok.

Heute habe ich wirklich versucht nichts nebenbei zu tun. Vom ersten Kaffee über das Spiel mit meiner Tochter, die Aktivierung einer Simkarte für meinen Eltern. Zum Beispiel kein nebenher mal auf das smartphone gucken. Da fiel mir erst auf wie häufig ich zu meinem iphone greife und erst beim durchblättern der apps mir überlege, welche ich aufmache. Ja, woher soll ich denn auch wissen, was ich mit meinem iphone machen will, bevor ich mir nicht alle apps nochmal angeschaut habe. Da ist es ja nur Folgerichtig, dass jetzt neuerdings mir mein iphone schon vorschlägt, was ich bestimmt gerne als nächstes machen will. Zum Schreien, wenn man auch nur einen Moment zu lange darüber nachdenkt.

Alles was ich sagen will: Der 22. September lief gut für einen ersten Test. Ich bin im kleinen Rahmen noch in der Lage Dinge nacheinander zu tun und ertrage es nur jeweils eine einzige Sache zu machen. Das gibt Hoffnung, bedarf aber noch mehr Übung. Gewohnheiten kommen meiner Erfahrung nach sonst schnell wieder. Sie schleichen sich so fies durch die Hintertür rein während man gerade nicht an sie denkt.

Marco Mattheis, 22.September 2015

2 thoughts on “Wie entkomme ich dem Multitasking?

  1. Ulli vT

    Ja, is wohl so ne Art moderne Zivilisationskrankheit. Ich hab die auch. Grad als ich deien Blog lese, kommen mails und whattsApp Nachrichten…nein die lese ich gleich, nach dem blog…geschafft.
    Aber dann beantworte ich mal und WA gleichzeitig.
    Wie bescheuert ist sowas?
    Sucht?
    Komme gerade aus Bayern, war bei jemandem der konsequent PC und Handy verweigert. Es ist nicht so, dass er keine Sorgen hätte. Aber mit diesem Mist hat er nix zu tun. Er hat nur ‘reale Multitaskinganforderungen’.
    Auch die Bauern dort aufm Dorf kennen das nicht. Die stehen füh auf, machen ihren (durchaus harten) Job und treffen sich abend am Stammtisch.
    Irgendwie gefällt mir das besser.

    Naja, waren so spontane Gedanken, grundsätzlich stimme ich m it dir überein.

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    1. Marco Mattheis

      Die meiste Zeit bin ich froh, dass ich die harte Arbeit auf die drei wöchentlichen Besuche im Fitnessstudio begrenzen kann und den Rest der Woche eher mit dem Mund, Tastatur und Maus arbeiten darf. Aber ich weiß, was du meinst. Und ich glaube auch noch immer an meinen Traum, das Multitasking auch im Büro etwas runter fahren zu können. Zumindest doch da, wo ich alleine einen Einfluss darauf habe.

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