Warum sich selbst begrenzen?

Was könnte dich dazu bewegen zu Nadel und Faden zu greifen und ein Loch in deiner Hose zu nähen? Das gute Gefühl aus eigener Kraft etwas kaputtes wieder voll funktionsfähig zu machen? Der Gedanke normalerweise die Hose in den Müll geworfen zu haben, was jetzt nicht nötig ist. Also Geld gespart, Ressourcen und die Arbeit irgendeines Textilarbeiters irgendwo auf der Welt etwas mehr respektiert.

Von allem etwas! So ging es mir kürzlich als ich das Nähset herausholte, das meine Eltern mir vor etwa einem Jahr geschenkt hatten. Vielleicht aus diesem Gefühl der älteren Generation, dass das irgendwie halt dazu gehört. Ein Nähset und die Fähigkeit es zu benutzen. Nähen habe ich übrigens irgendwann einmal in der Grundschule gelernt, das Ergebnis sah also auch so aus, hätte wohl jeder Näherin (überall auf der Welt) Tränen in die Augen getrieben. Nicht vor Stolz. Egal. Es hält. Darauf kommt es im ersten Schritt an. Nicht erst einen Nähkurs besuchen oder ein paar Bücher dazu lesen. Ich kann das nur empfehlen, vor allem bei Kleidung, die man eher zu Hause oder als erste Bekleidungsschicht trägt, also mit der man nicht in der Öffentlichkeit herum läuft. Als Anfang, als Start.

Nicht mehr zu flicken ist dagegen meine externe Festplatte. Einmal nicht achtsam gewesen, einmal besonders schnell gewesen, den Laptop auf den Schrank geschoben und zur Tür geeilt, wo die Liebste mit den Einkäufen wartete (womit sich meiner Meinung nach auch die Schuldfrage widerspruchslos geklärt hätte). Mit dem Laptop habe ich dann wohl die externe Festplatte über die Kante des Schrankes hinaus geschoben. Eben den entscheidenden Zentimeter zu weit. Ein lauter Knall. Gehäuse aufgesprungen und der Anschluss zur Hälfte abgeknickt. Die Platte funktioniert zwar noch und legt ein Time Machine Backup an, bricht aber gerne bei jeder kleinen Berührung ab, weil eben der Kontakt am Stecker hinüber ist. Hier greifen aber die vielen Übungen zur Achtsamkeit der letzten Wochen. Ruhe bewahrt. Das Positive gesucht und gefunden. Ich ersetze nun meine externe Festplatte durch einen USB Stick, auf ihm soll ab Freitag mein Time machine Backup laufen. Ich werde berichten.

Was jetzt schon läuft ist das neue Betriebssystem auf meinem Mac. El Capitan lässt mein Minimalistenherz ein wenig schneller schlagen, sparte es mir doch nach der Installation irgendwie 20 GB ein. Keine Ahnung wie, aber vor der Installation waren es noch ca. 90 GB, die ich brauchte, danach nur noch 70.

Der heute letzte Abschnitt ist meinem Freund und Arbeitskollegen Herrn S. gewidmet. Einer der wenigen (vielleicht der einzige?) Leser, den ich im Offline-Leben täglich sehe. Dafür allein gebührt ihm Dank und Erwähnung. Fürs Lesen und für das tägliche Ertragen eines Minimalisten mit chronischer Projektitis. Auch ist Herr S. zumeist immun gegen meine plumpen Versuche ihm meinen Besitz aufzuschwatzen. Und wem soll ich nun die 6 Ausgaben Abenteuer und Reisen auf Dauer ausleihen, wenn nicht einem Weltenbummler wie dir? Auch der tiefere Sinn meines Minimalismus, kommt wohl so manches mal nicht klar herüber. Kein Wunder, weiß ich doch meistens selbst nicht, wohin mich der eine oder andere Weg (weniger Fleisch essen, weniger Plastik nutzen, versuchen ohne smartphone auszukommen) am Ende führen wird.

Und vielleicht übertreibe ich es (es wäre nicht das erste Mal) mit meiner Vorbereitung auf den bevorstehenden Untergang der westlichen Industrienationen wie wir sie heute kennen. Denn um nichts anderes geht es doch bei der Reduktion der Fallhöhe, der Entwöhnung von zu viel moderner Technik und dem Wiedererlangen von lebenspraktischen Kulturtechniken wie dem Anpflanzen von Gemüse, dem Bemühen auch ohne Fleischkonsum zu überleben, der Vorbereitung auf heimischen Outdoor Urlaub mit Zelt und Rucksack an Stelle des Plastikarmbändchen an der All-inclusive Bar irgendeiner Bettenburg irgendwo auf dem Planeten Erde, umzäunt und gesichert vor jeglicher Realität des jeweiligen Landes, für die man sich nun wirklich nicht in den subventionierten Touristenbomber gezwängt hat?

Im Grunde ist es das Wissen um meine eigene Verwöhntheit, die mich antreibt, mit immer weniger auskommen zu wollen. Natürlich genieße ich es morgens eine warme Dusche zu haben, jederzeit meinen Kühlschrank auffüllen zu können, meine Wäsche auf so einfache Art und Weise reinigen zu können und so mobil zu sein. Natürlich ist es schön, die ganze Welt per smartphone in der Tasche zu haben, jederzeit mit jedem Kommunizieren zu können, ganz zu schweigen vom hohen Niveau unserer medizinischen Versorgung im Vergleich zum Leben der Generationen vor uns.

Wir, die lange nach dem letzten Weltkrieg geboren sind, sind daran gewöhnt, dass alles immer besser wird. Das immer alles mehr wird. Das immer alles schneller, moderner und einfacher wird. Und natürlich wäre es auch schön, ginge die Party immer so weiter. Selbstfahrende Autos, die uns zu kleinstem Geld jederzeit überall hinfahren, humanoide Roboter, die unseren Haushalt organisieren und die lästigen Arbeiten übernehmen, kleine Nanobots, die in unserem Körper dafür sorgen, dass jede noch so kleine Krankheit erst gar nicht entsteht. Lack und Wandfarbe, die Licht in Strom umwandelt. Die Lösung aller Energieknappheit. Das Ende aller Knappheit. Letztendlich Weltfrieden durch Fortschritt.

Allein der Glaube daran ist mir verloren gegangen. Muss jedem verloren gehen, der sich ein wenig in der Welt umschaut und sieht, dass die Ressourcen, die wir für all diese Elektroautos, Roboter und vielen kleinen Helfer und Zeitvertreiber bräuchten, nunmal begrenzt sind. Selbst wenn wir sie uns einfach weiter nehmen, nur für uns. Nur für die Menschen in den heute schon entwickelten Industriestaaten. Selbst dann kann es knapp werden. Unvorstellbar für meine Generation, dass es irgendwann einmal nicht mehr weiter geht. Das es Stillstand gibt, vielleicht sogar Rückschritte.

Darauf möchte ich mich vorbereiten. Kommt es anders, umso besser. Ich bin niemand, der die Krise herbei sehnt, möchte aber auch ein zufriedenes Leben führen, wenn sie eintritt, möchte nicht unter dem Verlust von smartphone und permanenter Mobilität leiden, ebenso wie ich schon heute nicht unter der permanenten Konsumverstopfung leiden möchte, sondern mich eben von dieser Stück für Stück befreie. Und weil ich mich schwer tue im schnellen Umschalten, weil mir der plötzliche „Verlust“ von smartphone und co. weh tun würde, trainiere ich ein begrenztes Leben in vielen Bereichen und erlebe täglich ganz bewusst den Überfluss. Genieße ihn mehr als jemals zuvor. Das (vielleicht) ist der ganze Sinn in meinem Streben zur Selbstbegrenzung.

Marco Mattheis, 3. Februar 2016

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