Datenschutz – Ein Wahn

Am Nachmittag ein Lehrstück in deutschem (vielleicht auch schon europäischem) Wahn. Schauplatz Patientenanmeldung beim Zahnarzt. Zwei Sekretärinnen in einem kleinen Raum mit Glastür. Bisher Warteschlange im Raum. Heute Warteschlange vor dem Raum. Ich wundere mich. Mehr aber nicht. Schließlich bin ich an der Reihe, einer der Plätze wird frei, ich betrete den Raum.

Gerade will ich zu einem freundlichen Gruß ansetzen, da werde ich mit einem „Gehen sie bitte raus“ vor die Tür gejagt. Die Begründung wird nachgeworfen: „Aus Datenschutzgründen“. Perplex verlasse ich den Raum. Neben mir stand noch ein weiterer Patient bei der anderen Sekretärin. Welche Daten vor wem hier geschützt werden sollen, weiß wohl niemand. Datenschutz. Dieses lächerliche Monstrum, dass durch die Büros dieses Landes geistert. Ich werde wütend ohne gleich den Grund zu kennen. Später fällt es mir ein. Wir zerstören mit einem einzigen Schlagwort eine komplette Kultur der Offenheit, Freundlichkeit und des Vertrauens. Die Tatsache, dass ich also gestern beim Zahnarzt war und der Mann neben mir meinen Namen erfahren könnte, verletzt den Datenschutz. Werde ich hier vor mir selbst geschützt? Oder der andere vor mir? Werden bald überall wo Menschen miteinander reden schalldichte Kabinen errichtet, um den Datenschutz zu wahren? Für Kronzeugen in Prozessen lasse ich einen strengen Datenschutz gelten, aber nicht für die Patientenanmeldung oder den Bankschalter. Oder zucken sie jetzt schon beim Bankschalter? Ist da schon die Schere im Kopf, die rote Sirene, die heult? Fast natürlich erscheint ein beklemmendes Gefühl zu haben vorne in einer Schlange am Bankschalter zu stehen und einen hohen Geldbetrag in Bar überreicht zu bekommen. Schnell könnte man sich auf die Idee versteigen, eine kleine Box wäre hier die Lösung. Willkommen in der Angstgesellschaft. Ich möchte mein Leben nicht in dunklen Boxen verbringen. Ich will weiterhin zufällig sehen und gesehen werden, will meinen Nachbarn in der Schlange vor mir stehen sehen, ihn Grüßen, danach einen Plausch halten und klüger weitergehen als ich gekommen bin. Oder geht es wirklich niemanden an, dass ich gerade Geld von meinem Konto abgehoben habe? Dann brauchen wir dunkle Boxen vor jedem Kassenautomaten. Dann aber auch bitte im Supermarkt, wo niemand sehen kann, dass ich mich ungesund ernähre und gerade Kondome gekauft habe. Dann bitte alles in schwarze Boxen. Und am Ende auch jeden. Soll niemand sehen, dass ich in der Stadt war. Unsere muslimischen Freunde, besser gesagt Freundinnen (und das ist jetzt nicht ironisch oder zynisch) machen es unfreiwillig (komisch) schon vor. Vielleicht sollten wir alle eine Ganzkörperbox tragen. Dann sind unsere intimsten Daten (unser Gesicht) endlich geschützt vor den bösen Blicken der anderen.

Später auf dem Behandlungsstuhl wird der Datenschutz übrigens mit Füßen getreten. Da sagt die Assistenz plötzlich Katja zu Frau G. Jetzt weiß der Patient (in diesem Fall ich) ihren Vornamen. Gelegenheit macht Stalker? Gleich mal bei Facebook nachsehen was Katja sonst so macht? Nein Danke. Ich kann dem anderen Wahn widerstehen. Denn das stimmt auch. Je mehr wir etwas schützen, desto begehrenswerter ist es. Und dann werde ich doch noch mit der Welt und dem deutschen Überkorrekten versöhnt. Die Korinthenkacker haben uns doch noch nicht völlig beschissen. Unterhaltung zwischen meiner Zahnärztin und ihrer Assistenz und ich lege einen Eid ab, dass es genauso war.

„Magst du hier mal absaugen.“

„Also wenn ich ehrlich bin, eigentlich nicht. Nein“.

Herrlich diese Menschlichkeit. Lieber schlucke ich meinen Speichel, als auch nur einen weiteren Tropfen abzukriegen vom Gesabber der ewig korrekten Datenschutzzombies.

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