Von whatsapp und Trinkflaschen

Ich gehe durch die Reihen des Drogeriemarktes. Ich bin auf der Suche nach einem neuen Strohhalmbecher. Am Vortag ist die einzige Flasche, die meine Tochter zuverlässig akzeptiert, verschwunden. Und das trotz dieses kleinen Büchleins über Achtsamkeit, das ich zur Zeit lese. Ich bin wohl noch nicht so weit. Ich sehe noch wie meine Freundin mir die Flasche zu wirft. Ich fange sie auf, und gehe rüber zum Spülbecken. Ich öffne die Flasche und fülle sie mit frischem Wasser.

Danach ist sie weg. Ich war mir sicher sie zu all den anderen Wir-sind-mit-Kind-unterwegs-Utensilien in meinen Rucksack geworfen zu haben. Später als wir sie brauchen, stellt sich heraus: Im Rucksack ist sie nicht. Wieder zu Hause durchsuche ich die Küche als wäre es ein CSI Tatort. Ich weite die Suche auf die gesamte Wohnung aus und gebe irgendwann auf. Akzeptieren was ist. Loslassen können. Ein anderer Buchtitel, den ich derzeit lese. Na wenigstens das kann ich jetzt praktizieren. Noch vor einem halben Jahr hätte mich diese Situation in innere Raserei versetzt. Vor zwei Jahren wäre ich auch äußerlich wie ein Nervenbündel durch die Wohnung gerast, mit einem so sinnlosen wie vertrauten Mantra. Das kann doch nicht sein. 

Ich akzeptiere also und fahre zur Geburtstagsfeier eines Freundes. Jetzt, am nächsten Morgen stehe ich also im Drogeriemarkt. Die Flasche ist nicht wieder aufgetaucht. Auch eine weitere gründliche Durchsuchung unserer Wohnung durch meine Freundin hat nichts gebracht. Meine letzte “logische” Erklärung, mit der ich ganz respektabel leben kann: Ein Zeitreisender hat sie uns weggeschnappt. Höhere Gewalt. Da ist nichts zu machen.

Während ich die Regale mit Windeln und Schnullern absuche, höre ich irgendwo im Markt eine Frauenstimme etwas sagen, was augenblicklich meine Aufmerksamkeit bindet. Für einen Moment denke ich nicht mehr nach über verschwundene Flaschen und Zeitreisende.

“Hast du meine whatsapp Nachrichte gelesen, wegen den Steckdosen?”
Für einen Moment Stille. Dann fährt die Frau weiter: “Also wegen den Steckdosen bei meinem Vater …”.

Dieser kleine Gesprächsfetzen packt mich, weil ich seit ein paar Wochen jede app auf meinem smartphone in Frage stelle. Und whatsapp steht seit kurzem auf meiner Liste von vielleicht überflüssigen apps. Hier also wieder eine Textnachricht, die später noch einmal ausführlich am Telefon erläutert wird.

Eine steile These formuliert sich in meinen Gedanken. Haben wir mit der Erfindung des Mobiltelefon mit SMS-Funktion vielleicht den technischen Höhepunkt der Nützlichkeit erreicht? Ist vielleicht alles, was danach kommt, im Grunde überflüssig? Oder zumindest nicht notwendig, eher Zeitdieb als Zeitsparer? Mit diesen Gedanken gehe ich nach Hause, weiterhin bleibt whatsapp auf meinem iphone installiert. Wie ein Kleidungsstück, das man nicht mag, das nicht schön aussieht, aber zweimal im Jahr ganz praktisch sein könnte. Vielleicht kommt man ja doch noch in die Lage mal ein Foto versenden zu müssen. Und für die eine oder andere kurze Nachricht, ist die app ja auch noch gut. Die app kann nichts dafür, dass so mancher versucht sie als Ersatz für ein kurzes Telefonat zu gebrauchen.

Ich betrete unsere Wohnung und lasse meinen Rucksack auf einen der Stühle fallen. Meine Freundin lächelt mich breit an. Dann sehe ich sie. Die blaue Trinkflasche steht auf unserem Küchentisch.

Ich muss mich beherrschen es nicht laut zu schreien: “Wo?”

Meine Frage bleibt bis heute unbeantwortet. Wird es vermutlich für alle Zeiten bleiben. Meine Freundin zieht die Schultern hoch: “Ich weiß es auch nicht. Deine Tochter ist vor einer Minute rüber ins Wohnzimmer gelaufen und kam mit der Flasche in der Hand zurück.”

 

4 thoughts on “Von whatsapp und Trinkflaschen

  1. Astrid

    Sehr amüsant. Vor allem Deine Beschreibung, was und wie es Dich vor geraumer Zeit “rasend” gemacht hätte. Und ich erachte whatsapp durchaus als nützlich. Zumal ich einstellen kann, ob es auf meinem Smartphone “bing” macht oder eben auch nicht. ;-))
    Danke und liebe Grüße aus dem eisigen und winterlichen Berlin
    Astrid

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