Zu Fuß von Bochum nach Essen – Ein Reisebericht

Zu Fuß von Bochum nach Essen – Ein Reisebericht

(Diesen Reisebericht hören in Podcast Folge 18 – einminimalist.de/eme018)

Vorwort

Die vorliegende Erzählung unterscheidet sich in fast jeder Hinsicht von den üblichen Werken aus dieser Ecke des Bücherregals. Hier schreibt kein Weltenbummler! Höchstens einer, der träumt mal einer zu werden. Einer, der sich an seine Wünsche herantasten muss.

Das erklärt auch die Länge, oder besser die Kürze des Berichts. Es geht zu Fuß von Bochum nach Essen. Man müsste schon mächtig weit ausholen für ein Buch mit üblichem Umfang.

Der Weg ist in doppelter Hinsicht ein Probelauf. Sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinn bezogen auf diese Erzählung. Dies ist ein aller erster Bericht über den Gang hinaus in die Welt. Dabei hat jeder einen anderen Blick auf die Realität. Dies hier ist meiner. Der Leser muss mir nicht in allen Punkten zustimmen. Ich hoffe aber etwas erschaffen zu haben, was den Leser für kurze Zeit unterhält, erheitert und ihm in Erinnerung bleibt.

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Um 10:30 Uhr geht es los. In die Stadt Essen, zu Fuß. Der Schritt auf die Waage zeigt deutlich, dass hier kein Held unterwegs ist. Elf Kilogramm Gepäck werde ich den Tag über mit mir durch das Ruhrgebiet schleppen. Viel zu viel für einen einzelnen Tag. Aber diesmal hat der Feigling einen Grund. Ich bin nicht gemacht für das kalte Wasser, muss mich an meine Wünsche herantasten, bisweilen anschleichen. Hier geht der Trick so: Ich will so bepackt sein als würde ich für Tage unterwegs sein, will alles dabei haben, für jedes Wetter und für einsame Stunden gewappnet sein. Im Gepäck daher nicht nur Wetterschutz, sondern auch mein Laptop. Ich will schreiben, über das was ich erlebe. Auch mein smartphone packe ich ein. Das soll aber in der Tasche bleiben, nur für den Notfall ist es gedacht und für das eine oder andere Foto. Da wo ein Bild schneller ist als der Stift. Ohne die digitale Lebenshilfe will ich bis nach Essen kommen. Das sollte eigentlich kein großes Unterfangen sein. Denkt man.

Schon am Bahnhof muss ich konstatieren: Das Gerät mit Dauerdraht zum weltweiten Netz hat mir in den letzten Jahren ordentlich das Leben abtrainiert. Den ersten reflexhaften Griff in die Hosentasche muss ich beim Betreten des Bahnhofs und dem Blick auf den Fahrplan unterdrücken. Ich rufe mich zur Ordnung, denn auf dem Bahnsteig gibt es eine Uhr. Ich weiß es noch von früher, bin schließlich ein Kind der Prämobilfunkzeit. Nervös werde ich erst 10 Minuten später, habe ich doch jetzt herausgefunden, dass ein Zug in die nächst größere Stadt in einer viertel Stunde fährt. Doch ob ich dort einen Anschluss zum Bochumer Hauptbahnhof habe, kann mir der Fahrplan nicht sagen. Bisher half mir bei der Wegplanung die app der Deutschen Bahn, inklusive Übertrag des Fahrplans in meinen digitalen Kalender. Nach einigen Augenblicken des Grübelns, finde ich eine Lösung: Der Fahrkartenautomaten. Die Deutsche Bahn ist hier ganz Service-Unternehmen. Neben dem Ticket kann ich mir den gewünschten Fahrplan ausdrucken lassen.

Gratis dazu bekomme ich eine ganze Reihe von aufheiternden Anmerkungen. So erfahre ich, dass die Fahrradmitnahme begrenzt möglich ist, soll heißen, wenn zu viele Radler unterwegs sind, hat man Pech. Sich bloß nicht angreifbar machen, ließe man das begrenzende Wort weg. Vermutlich verlässt kein gedrucktes Wort die Firmenzentrale ohne einen prüfenden Blick eines Juristen. Nur dem Hirn eines solchen kann auch das nächste Ungetüm entsprungen sein: Fahrzeuggebundene Einstiegshilfe vorhanden. Zu einem profanen Wort wie Rampe lässt sich bei diesem Unternehmen niemand herab. Lachend nehme ich noch die letzte Zeile auf meinem Reiseplan auf. Hier hat man (nicht ohne den Hinweis auf die anfallenden Telefonkosten) die Nummer der Taxizentrale abgedruckt. Erheitert steige ich in die einfahrende Bahn (mit Rampe) ein. Ich bin zuversichtlich etwas zu erleben und soll nicht enttäuscht werden.

Zuerst erleide ich das Wetter. Es ist lange her, dass ich durch Regen so richtig nass geworden bin. So lange, dass ich mich nicht mehr konkret erinnern kann. Meistens stand ein Auto bereit, um sich darin zu schützen. Alles was mich und meine Sachen heute schützt, ist eine Regenjacke, eine Regenhose, der Rucksacküberzug und die Fähigkeit alles drei im Ernstfall schnell genug anzuziehen.

Jetzt am Hauptbahnhof warte ich auf meine Verbindung nach Bochum und blicke in den stärker werdenden Niesel. Ich bereue das schnelle Anlegen des Regenschutzes nicht ein einziges Mal geprobt zu haben. So wie viele, habe ich auf das Beste gehofft und die Schlaglöcher des Lebens ignoriert.

Auch ignoriert wird mein erstes Lächeln dieser Reise. Es gilt der Frau quer gegenüber, als sich unsere Blicke treffen. Bei meiner letzten „Wanderung“ – 2 Stunden mit dem neuen Rucksack durch meinen Wohnort – führte die allererste Begegnung gleich zu einer freundlichen Unterhaltung. Hier möchte jemand seine Ruhe haben. Das kann ich akzeptieren.

Manche behaupten Reisen könne gefährlich sein. Das mag stimmen. Und tatsächlich werde ich heute noch hören, dass ich gut auf mich aufpassen soll. Hier in der privaten Bahn abellio lauert jedenfalls keine offensichtliche Gefahr für Leib und Leben. Der Werder Bremen Fan mit seinem Freund quer gegenüber ist in die Bildzeitung vertieft. Am Ende der Fahrt wird sein Freund noch grunzend das Cover-Girl abfotografieren. Hier sitzen Beavis und Butt-Head und erfreuen sich des Lebens.

Ein Hoch auf die Bahn. Mit welchem anderen Verkehrsmittel wird einem sonst eine solche Unterhaltungs-Matinee geschenkt? Und nirgends reist man unbeschwerter, erfahre ich beim Aussteigen. Kein Koffer darf im Weg stehen. Ein Schild dafür mit einem rot durchgestrichenen Paketstück hat man extra dafür angebracht. Und es wird noch sicherer. Der gesamte Zug ist – so klärt ein weiteres Schild auf – mit einer Videoschutzanlage versehen. Fraglich wie das funktionieren soll, Sicherheitspersonal im Zug sehe ich nirgends. So bleibt die Sicherheit zumindest gefühlt. Lieber gefühlt sicher als diffuse Ängste aushalten zu müssen.

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Jetzt bin ich in Bochum, will nur noch zum Startpunkt meiner Wanderung, dem Springorum Radweg. Hier bin ich schon einige Male mit einem Freund spazieren gegangen. Der Weg führt in Richtung Essen, ob ganz, das will ich heute herausfinden. Davor noch in die U-Bahn. Und wieder eine Planänderung. Gleisbauarbeiten. Eine Station vor Waldring ist Schluss, ab hier könnte es mit dem Bus weitergehen. Der Bahnfahrer bittet die letzten Sitzenbleiber (Ohrstöpsel gegen die Realität verstopften ihr Gehör) den Zug zu verlassen. Zwei Kinder bringen den Satz der Stunde. Der etwa elfjährige zu seiner Begleitung: „In der app stand das aber anders“. Ich bin froh heute von keiner app enttäuscht werden zu können. Mein smartphone bleibt in der Seitentasche meines Rucksacks. Der Weg bis zum Start ist mir geläufig, und so laufe ich.

Die vielen gelangweilten Gesichter. Über sie wollte ich auch schreiben. Über Menschen die größtenteils mit trägem Blick durch ihren Alltag wanken in einem Land, in dem es zumindest an der Befriedigung der Grundbedürfnisse nicht mangelt. Nur einmal sehe ich einen Mann seine Begleitung neben sich im Auto anlachen; in Zahlen 1. Was ist hier los? Dieser Gedanke popt so vehement auf wie die Werbefenster beim Surfen im Netz. Ich schiebe die faden Gesichter beiseite, ich bin jetzt da. 11:30 Uhr, ich stehe auf dem Weg, will losgehen. Jetzt benutze ich mein Handy doch noch, nutze nur den eingebauten Kompass, um nicht in die falsche Richtung zu starten. Wie heisst es doch laut Volksmund: Einmal ist… . Ach, lassen wir das.

Ein Graffitto am Wegesrand, gesprüht in weißen Lettern auf einem überirdisch verlegtem Rohr: Gegen Unterdrückung für ein selbstbestimmtes Leben. Wer könnte an einem solchen Tag dagegenreden? Der Verfasser bleibt leider jegliche Antworten schuldig. Wer unterdrückt hier wen? Und auf welche Art? Und wie sieht die angestrebte Selbstbestimmung aus?

Auf dem Weg ein Brombeerpflücker. Ich bin alleine unterwegs und entscheide einen Versuch zu unternehmen das für einen Moment zu ändern. Der Brombeerpflücker stellt sich jedoch als ungesprächiger Zeitgenosse heraus. Auf meine Frage ob es heute Marmelade gibt, kriege ich nur ein kurzes (immerhin freundliches) ja. Ich merke ob einer Reden will oder nicht. Der hier will pflücken. Ich lasse ihn, will keinen bedrängen, niemandem ein Gespräch aufzwingen. Einsam Brombeeren pflücken und der überwältigenden Auswahl an Konfitüren im Laden entgehen. Selbstbestimmtes Leben kann so facettenreich sein.

Unglaublich reich müssen auch die Eigentümer der Kleingärten am Springorum Radweg sein. Viel reicher als ein Blick über die Zäune mit Stacheldraht (ja wirklich) es auf den ersten Blick erscheinen lassen. Hier müssen Horden Wilder vor der Errichtung des Stacheldrahtzaunes regelmäßig marodierend durchgezogen sein. Anders sind auch die massiven Schlösser nicht zu erklären. Überhaupt ist das ein Phänomen: Wer durch die Städte wandert sieht es: Alles wird hinter Mauern und Zäunen gehalten, fest verschlossen und verbarrikadiert. Fast erwartet man Schilder mit Hinweisen auf Selbstschussanlagen zu sehen. Die Schilder für die bissigen Hunde sind jedenfalls schon da. Hier haben sie die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt. Noch nicht eine Videoschutzanlage wurde installiert.

Ich halte zwei Radfahrer an. Das Seniorenpaar gibt freundlich Auskunft, dass sie auch nicht wissen ob dieser Weg nach Essen führe. Der Mann schenkt mir einen Satz der mich die nächsten Kilometer zum Nachdenken anregen wird. Er sagt, ob dieser Weg nach Essen führe, da wollten sie sich nicht festlegen. Ich bin entzückt, verrät das doch mehr über einen Menschen als ein erpresstes Geständnis. Da will jemand nicht die Verantwortung übernehmen für einen Wanderer, der sich am Ende falsch beraten, verläuft und sein Ziel nicht erreicht oder nur auf Umwegen. Ich würde es dem betagten Herrn so gerne übel nehmen, aber da ist endlich einer, der nicht vortäuscht mehr zu wissen als er weiß und hat den Mut es auszusprechen. Das nehme ich mir vor, das will ich mitnehmen. Den Mut Unwissenheit einzugestehen und dem Gegenüber zugleich ermutigen hinaus ins Unbekannte zu treten.

Bochum ist derzeit besonders baufreudig und überrascht mit der zweiten Verkehrsumleitung des Tages. Vor mir endet der Radweg. Ich soll einer Umleitung folgen. Ich folge und umlaufe die zukünftige Springorumallee, die laut Tiefbauamt im Februar 2016 in schönstem betongrau erstrahlen soll. Die Jungs und Mädels aus der Marketingabteilung waren auch schon hier und haben ein Werbebanner angebracht. Eine hiesige Firma wirbt mit einem irrwitzigen Slogan: Gönnen sie sich einen neuen Blick auf Beton. Kann man nur hoffen die Bochumer Stadtentwickler nehmen sich ein Herz und gönnen sich lieber noch einen weiteren Park mit Blick auf Grünflächen.

Mein Timing stimmt heute. Ich bin gerade im Begriff einen kleinen Einkaufsladen mit einer Banane, einer Bitterschokolade sowie einer kleinen Flasche Cola zu verlassen, als draußen ein heftiger Platzregen vom Himmel fällt. Spontaner Entschluss zum Bleiben. Ein Glück, denn der Platzregen zeigt eine erstaunliche Ausdauer. Außerdem gibt es hier im Laden frischen Kaffee und einen kleinen Platz zum Verweilen. Am winzigen Tisch sitzt schon eine Frau, aber außergewöhnliche Umstände haben die Eigenschaft die Menschen näher zueinander zu bringen. Ich setze mich dazu, will noch einmal einen Plausch ins Rollen bringen. Aber die Unterhaltung will nicht recht anlaufen und so bleibt es beim höflichen Austausch von Floskeln. Auf die Frage nach der Entfernung bis zum Zentrum von Essen die erste geschockte Reaktion. Im Verlauf des Tages werde ich feststellen, dass es eine reflexhafte Reaktion ist, fast immer in Verbindung mit einem freundlichen Hinweis auf die nächste Bus- oder Bahnhaltestelle. Wenn ich es nicht besser wüsste (weil knallhart am Vorabend bei google-maps recherchiert), würde ich jetzt ins Zweifeln kommen. Die Reaktion meiner Gesprächspartnerin ähnelt der Ankündigung den Mount Everest zu beteigen. Barfuß und in Badehose.

Um nicht einem Heldenwahn zu erliegen, rufe ich mir in Erinnerung, dass mein bescheidener Probelauf an diesem Tag nichts ist im Vergleich zu dem, was andere Wanderer tagtäglich auf diesem Planeten hinter sich bringen. Da Wandern Menschen über mehrere Kontinente, und einer, der von einer Stadt in die nächste läuft, wird mit ungläubig angestarrt.

Dass es anders geht, zeigt mir Bernd. Ihn treffe ich nach dem Regen als ersten, ich versuche gerade den Weg auf meine Route zu wiederzufinden. Er erfasst die Situation augenblicklich, erkennt und spricht es aus. Ich sei zu Fuß unterwegs. Nach Essen? Eine tolle Aktion, er wisse zwar nicht ob unten am Weg überhaupt Schilder ständen, weil er schon eine Ewigkeit in Bochum wohne, aber ich solle auf jeden Fall vor der kleinen Brücke links abbiegen. Der Weg führt an der Ruhr entlang direkt nach Essen. Ich verlasse den weißbärtigen Bernd beschwingt, die großen Pfützen auf dem Weg und der Nieselregen können meiner Freunde nichts anhaben. Tausendmal lieber (die Erkenntnis ist mir jetzt schon sicher) erfrage ich mir den Weg als mich selbst als kleinen blauen Punkt auf einer Smartphone-Navigation zu beobachten. Wer schnell ankommen will, soll sie nutzen. Wer den Weg erleben und am Ende als ein Klügerer ankommen will, der fragt.

Irgendwann wird es Zeit für eine Pause. Die Blase drückt und zwingt zur Rast. Das ist der Nachteil einer Wanderung durch die Großstadt. Kaum ein ruhiger Ort. Selbst dieser stille Wanderweg, an einem verregneten Tag, bietet keine fünf Minuten Einsamkeit, um sich in Ruhe zu erleichtern. Jogger, Gassigeher, Reiter, Fahrradfahrer, sie alle verhindern, dass ich einfach nur Mensch sein kann. Dann die Gelegenheit: Hier verläuft eine Brücke über den Weg, hoch über mir das Rauschen von Autos, neben der Überführung ein kleiner Abhang. Erst beim Blick um den breiten Betonsockel kommt mir der Gedanke auch hier vielleicht nicht alleine zu sein, bietet sich der Platz doch gerade perfekt an Obdach zu bieten für Jedermann. Aber auch hier Glück. Die Obdachlosen von Bochum haben diesen Ort noch nicht für sich entdeckt. Der Rucksack kann runter. Durchatmen und sich erleichtern. Dann eine Banane und Schokolade. So einfache Dinge, am Abend vor dem Fernseher kaum beachtet, werden hier zum Anlass von purer Freude.

Schwierige Entscheidung am Mittag. Der Blick fällt auf ein Restaurant. Mittagszeit. Essenszeit. Nur der Hunger fehlt. Weiterziehen und riskieren, dass lange Zeit keine anständige Gaststätte mehr kommt? Ich bin für das Risiko, heute allemal. Die Reue holt mich ein, nach zwei Kilometern. Weil sich jetzt der Magen mit aller Vehemenz meldet und sein Recht fordert. Erleichtert nehme ich das erste richtige Schild mit Hinweis auf mein Tagesziel zur Kenntnis: 8,4 Kilometer bis zum Stadtrand von Essen. Bis zur nächsten Mahlzeit hoffentlich weniger.

Ankunft in Bochum-Dahlhausen um 14:30 Uhr. Wieder Durchfragen. Diesmal zum nächsten Restaurant mit Toilette. Ich betrete einen chinesischen Schnellimbiss und drehe nach nur einer Frage wieder um. Hier soll es schnell gehen, kein ruhiges und schon gar kein stilles Örtchen steht hier bereit.
In Dahlhausen gibt es noch kreative Menschen, bunte Strickfiguren verschönern Straßenpfosten, ich gehe vorbei an Käfern, Hasenköpfen und bunten Quallen, die ihre Tentakel fast bis auf den Boden hängen lassen. Endlich komme ich an. Mittagspause bei Kossert und Nagel Ruhrimbiss. Nach dem Essen darf man hier sitzen bleiben. Bei einem Kaffee ist Zeit zum Schreiben auf dem Laptop. Ungewohnt war es am Morgen schon den Laptop zwischen Hosen und T-Shirts im Rucksack zu verstauen, obwohl Laptops doch für absolute Mobilität gemacht sind.

Es ist Nachmittag und ich habe noch immer nicht den Stadtrand von Essen erreicht. Ein heftiger Regen setzt ein, kaum habe ich das Lokal verlassen. Vielleicht ist es so wie Andreas Altmann sagt und alles Gute was einem auf Reisen widerfährt muss in irgendeiner Form bezahlt werden. Ich bleche jetzt. Wieder den Rucksack runter, wieder dreifachen Regenschutz im Eiltempo überziehen. Weiter. Und wieder Fragen. Eine betagte Dame macht sich Sorgen. Ich solle bloß gut auf mich aufpassen. Die Sorge bleibt diffus. Wovor sollte ich hier Angst haben?

Dann ein Sonnenschein, eine schmeichelnde Mutmacherin sagt mir ich sei auf dem richtigen Weg. Kein ungefragter Hinweis auf den nächsten Bus. Ich sei doch ein junger Mann, gut durchtrainiert, das werde ich schon schaffen. Mit schmeichelnden Worten geimpft, stampfe ich weiter durch den Regen und noch in Sichtweite der guten Fee reißt der Himmel auf. Kitschig blauer Himmel strahlt auf mich nieder. Augenblicklich sehe ich in meiner Regenmontur völlig deplatziert aus, wie reingeworfen. Ich deute zum Himmel und muss lachen. Wirklich tolle Momente muss man sich verdienen. Ich bin bekehrt, weiß ich doch ab jetzt, dass nichts Gutes einem anstrengungslos in die Hände fällt.

Pause auf einer verwitterten Bank mit Blick auf trostlosen Eisenturm im Eisenbahnmuseum. Nur Minuten später erreiche ich ausgeruht eine Reihe von einwandfreien Sitzbänken vor einem rätselhaften Miniatur-Stonehenge inklusive grandioser Aussicht auf die Ruhr, die hier geschwungen ihrem Lauf folgt. Bisweilen ist das erstbeste eben nur das Erste aber nicht das Beste.

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Wer durch Großstädte wandert, wird Ihnen nicht entgehen können: Schilder. Ich weiß nicht ob wir Deutschen die Meister der monströsen auf Blech gebrachten Wortgebilde sind, aber einen Platz auf dem Treppchen haben wir sicher. Der Bürgermeister von Essen beglückt seine Bürger mutig mit einer Hinweistafel am Rande einer Grünfläche in Essen Horst: Diese Wiese darf jeder nutzen. Auch Hunde dürfen hier unangeleint laufen (dies gilt nicht für leinenpflichtige Hunde nach dem Landeshundegesetz).
Der Platz am Rande einer Hochhaussiedlung liegt verlassen da. Vielleicht haben sie in Horst keine Hunde, oder nur solche mit Leinenpflicht.

Kurz vor 17 Uhr werden mir direkt nacheinander die beiden absurdesten Wegbeschreibungen dieses Tages geliefert. Ich komme an einem Hochhaus mit Balkonen vorbei, eine Frau steht im Freien und raucht. Ich zögere kurz, frage dann doch wie üblich nach dem Weg und bereue unverzüglich. Folgende Unterhaltung entsteht.

Ich: Guten Tag, ich bin nicht von hier, wie komme ich denn zu Fuß in die Innenstadt?
Die Balkon-Frau: Zu Fuß? Innenstadt von Steele (Stadtteil von Essen, in dem ich mich befinde) oder die Innenstadt von Essen?
Ich: Ja, zu Fuß in die Innenstadt von Essen.
Die Balkon-Frau: Warum bist du dann nicht oben rechts abgebogen, das ist doch ein riesen Umweg hierlang.

Ich bleibe gelassen angesichts des absurden Theaters, das mir hier gratis geboten wird. Nach dem obligatorischen Hinweis auf die nächste Bushaltestelle, folge ich der Wegbeschreibung. Mein Bauchgefühl wünscht eine Bestätigung, meine Füße meckern geradezu danach. Vor der besagten Bushaltestelle treffe ich zwei junge Frauen. Sie führen gerade ihren Hund aus. Es gibt sie also doch in Horst, die Hundebesitzer. Ich habe nicht die geringste Ahnung von Hunden, das Kerlchen sieht aber nicht nach Leinenpflicht aus. Dass er mit Frauchen die frei zugängliche Hundewiese am Ende der Straße vermutlich niemals erreichen wird, soll mir in einer Minute einleuchten.
Diesmal will ich alle Schuld auf mich nehmen, habe ich mich bisher doch vielleicht nur zu unklar ausgedrückt. Ich spreche die beiden jungen Damen an und formuliere klar und deutlich, dass ich zu Fuß auf dem Weg in die Essener Innenstadt unterwegs bin und frage ob ich auf dem richtigen Weg bin.
Dies sei die richtige Straße, erfahre ich. Ich müsste nur diesen Weg immer weiter (die Frau winkt dreimal mit dem Arm in die Ferne) bis zum Ende durchlaufen, immer weiter und weiter bis zur großen Kreuzung und dann links abbiegen. Erneuter Dank für den Hinweis auf die Möglichkeit den Bus zu nehmen. Dann ziehe ich los und erreiche nach weniger als einer Minute und geschätzten 500 Metern die besagte Kreuzung ganz am Ende der Straße. Herrje, wo kommt sie her, diese Bewegungsphobie?

Vergiftungsversuch kurz nach 17 Uhr. Die Horstener haben es auf mich abgesehen. Ein Bahnübergang stoppt hier regelmäßig die Verbrennungsmotoren. Jedenfalls fordert das Schild eindeutig dazu auf: Bitte Motor abstellen. Die Bitte wird hier wörtlich genommen, als Bittstellung und nicht mehr, die schematische Abgaswolke wohl als Hinweis auf einen Cloudanbieter missverstanden. Von den zwölf Autos an denen ich vorbei muss, haben nur zwei ihre Motoren abgestellt und verschonen mich mit ihren Abgasen. Besonders ärgerlich: Der offenbar mit Rohöl betriebene Bus der Verkehrsbetriebe entlädt ebenfalls weiter seine Giftwolke auf den Bürgersteig. Jetzt bin ich für einen kurzen Moment nicht mehr nur verärgerter Wanderer, bin stinksaurer Vater eines zehn Monate alten Säuglings, der regelmäßig mit einem ebenso emissionsfreien wie ungeschützten Kinderwagen unterwegs ist. Gedankenlos beguckt man sich die Hände, hört Musik, schaut auf sein Handy oder plaudert mit seinem Beifahrer und vergiftet ganz nebenbei Mitbürger. Herr Bürgermeister, ich bitte um ein neues Schild: Motor aus. Aber dalli!

Mit elektromobilen Zukunftsträumen weiter zur nächsten Rast. Eine Trinkhalle macht es mir unmöglich weiter zu laufen. Ich suche mir eine Stelle in der Nähe, will mich setzen und meine Füße lüften. Ich finde eine Treppe am Rande eines Autolackierers. Ein tolles Bild muss ich abgeben. Die einen verschönern ihr Auto und blicken dabei auf einen, dessen Füße glühen. Eine bessere Werbung für das Verkehrsmittel aller Verkehrsmittel könnte es aus Sicht der vorbeilaufenden Betrachter wohl nicht geben. Nur wissen sie nicht, dass ich diesen Moment mit keiner Freifahrt in keinem Auto dieser Welt würde tauschen wollen. Meine plattgelaufenen Füße genießen die freie Luft. Ich lehne mich zurück und schließe die Augen.

Wer wandert weiß es schon längst. Auf dem Weg tauchen Bilder aus längst vergangenen Tagen wieder an der Oberfläche des Bewusstseins auf und geben Gelegenheit zum Rückblick. Mit dreizehn Jahren Versatz höre ich die Stimme meines Bundeswehr Ausbilders. Es ist Nato-Pause während eines langen Marsches mit vollem Gepäck. Juli 2002, ein heißer Sommer. Der Ausbilder befiehlt die Stiefel anzulassen. Schon so mancher hat sie nicht mehr anbekommen, weil Füße, einmal frei gelassen, die Tendenz haben anzuschwellen. Außerdem muss ein Soldat allzeit bereit sein zur Verteidigung des Vaterlandes, wo auch immer auf der Welt es gerade mal wieder verteidigt werden soll. Und wer will schon barfuß erschossen werden? Die Erinnerung zaubert mir ein Lächeln über das Gesicht. Kein Schinder weit und breit, meine Füße dürfen nackt sein und so viel schwellen wie sie wollen. Auch kein unnützes Schießwerkzeug und Munition belasten mein Gepäck, keine Gasmaskentasche baumelt mir an der Hüfte herum und geht bei jeder unbedachten Bewegung auf. Keinen Vorgesetzten muss ich um Erlaubnis bitten, um meine Ärmel hochzukrempeln, kann ohne Mütze herumlaufen wie es mir beliebt und sitzen und rasten so lange ich will. Kein Fotograf der Welt könnte das Gefühl der Freiheit einfangen, dass ich gerade jetzt verspüre.

Nach dem Genuss meiner mitgebrachten Cola will ich nur mal eben die Flasche gegen 25 Cent tauschen.

Ich betrete den Getränkehandel. Eine Minute später werde ich den Pfandbon verschenken und mit gutem Gefühl weiter ziehen. An der Kasse hat sich eine Schlange von sechs Kunden gebildet. Ganz vorne werden ein Haufen von Pfandzetteln einer intensiven Untersuchung unterzogen. Irgendwo hat sich ein Fehler eingeschlichen und ein anderer empfindet seine Lebenszeit als so wertlos, dass er nun mindestens fünf Minuten damit verbringt um ein paar Cent zu diskutieren. Ich zahle gerne 25 Cent, um mir weitere fünf Minuten Lebenszeit ausserhalb einer Warteschlange zu erkaufen.

Jetzt zeigt sich die Stadt von ihrer hässlichen Seite. Das erste Hochhaus erscheint am Horizont. Unansehnlich und deplatziert mit dreckiger Fassade. Ich ringe mit meinen Vorurteilen. Mag sein, dass im Inneren der soziale Zusammenhalt einer Mega-Hausgemeinschaft tagtäglich erwacht und aufs Neue erblüht. Ein Ort wo man sich kennt und respektiert, sich die Einkaufstaschen in den vierzehnten Stock schleppt. Aus eigener Familienerzählung weiß ich, dass es so etwas einmal gegeben hat. Karnevalsfeiern einer Hausgemeinschaft mit dreißig Mietparteien. Das ist ein wahres Fest. Auch schon selbst erlebt: Mieter treffen sich zur gemeinsamen Pflege der Grünanlage. Habe Unkraut gejät im Hof einer Mietanlage, die keinem der Anwesenden auch nur zum Teil gehörte. Das schafft Gemeinschaftssinn. Aber hier in Essen-Steele will mir die Romantisierung der Platte nicht gelingen. Zwischen Billig-Textil-Schleudern, Drive-In Burgerkette und einer S-Bahn Linie, die auf Kopfhöhe der Passanten dahin donnert, scheint die Leichtigkeit erdrückt zu werden. Zur Erinnerung zücke ich die Kamera und mache ein Foto: Hochbahn, Wohnturm, Burgerkette. Sogleich werde ich von einer jungen Frau und ihrer (ich vermute es) Mutter angesprochen. Bis vor einem Augenblick pflückten sie neben der Straße Brombeeren. Ob ich sie gerade fotografiert hätte, will die Junge Frau wissen. Ich bin reichlich verdutzt, stammle vor mich hin, erkläre mich. Ich versuche die Situation zu retten, wie heute morgen schon frage ich die Brombeersammler nach ihrem Motiv. Auch jetzt will kein Gespräch in Gang kommen. Brombeersammler sind schweigsame Menschen, so das Ergebnis meiner Zweipersonenstatistik.

Die restlichen Passanten, die mir heute noch den Bus ans Herz legen, verschweige ich. Der erste, der es nicht mehr tut, ist aber erwähnenswert. Während ich durch den Busbahnhof von Essen Steele gehe, kreuzt der Mann zwei oder dreimal meinen Weg ohne dass er besondere Kenntnis von mir nimmt. Er trägt Flip-Flops, ein T-Shirt und kurze Hosen, in der Hand eine Plastiktüte, die er nicht an den Griffen trägt, sondern sie um die Hand gewickelt hat. Irgendwann greift er in die Tüte und zieht eine kleine Flasche Weinbrand heraus, eine von der Sorte, die man im Supermarkt direkt an den Kassen bekommt. Das Bild ist mir geläufig – lebe und arbeite ich doch in einer Großstadt – es schreckt mich aber immer wieder auf. Der Mann setzt an und leert die Flasche in einem Zug. Zumindest sein Gesicht verzieht sich noch zu einer Grimasse. Er soll der nächste sein, den ich nach dem Weg frage. „Normale“ Leute habe ich heute schon genug gesprochen. Der Weinbrandmann ist der erste der nicht mehr staunt, kein Hinweis auf einen Bus rutscht ihm heraus, obwohl wir mitten auf dem Busbahnhof stehen. Ich bekomme eine ausführliche Wegbeschreibung bis in die Essener Innenstadt, nein, ich kriege zwei. Die eine für den Hauptbahnhof, die andere für die Einkaufspassage. Hier hat ein Kenner vollgetankt, einer der selbst oft laufen muss. Der menschliche Körper bleibt mir häufig ein Rätsel. Der Mann wirkt nicht betrunken, ist freundlich, fragt mich als erstes ob wir uns vielleicht kennen, wünscht mir zum Abschied einen guten Weg. Ich verkneife mir jegliche Moral und erst recht die Frage nach dem Alkohol. Ich bin zu müde und es ist schon zu spät für echtes Interesse.

Es wird noch trister bevor es versöhnlich wird. Ein Bestatter für Feuer- und Anonymbestattungen wirbt nicht mit kleinen Preisen, nein, er wirbt in großen Buchstaben gleich mehrmals auf seinem Schaufenster mit Tiefpreisen.

Das Fast Food Restaurant mit dem Namen Döner A’kademie kann mich wieder heiter stimmen. Bisweilen bin ich ein ausgesprochener Freund des flachen Wortwitzes. Oder beweist hier am Ende noch jemand Selbstironie stellvertretend für einen ganzen Stadtteil?

Kurz nach 18 Uhr begegne ich zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die erste ist schneller als ich. Noch bevor ich sie nach dem Weg fragen kann, pumpt sie mich an. Sie kommt etwas plump daher, eingesunken sitzt sie an der Haltestelle wie jemand der viel Zeit im tätigkeitslosen Sitzen verbracht hat, seit vielen Jahren. Nicht meditativ, eher stumpf und glotzend. Ich frage nach dem Zweck des Geldes. Jetzt höre ich entweder die Wahrheit oder eine Lüge, aber nichts aussergewöhnliches. Die Frau möchte Essen kaufen, sagt sie. Naja, dafür ist in diesem reichen Land eigentlich gesorgt, denke ich während ich ein paar Münzen aus meinem Portemonaie fingere. Ich frage ob sie „Hartz bekommt“, korrekt wäre die Frage nach ihrem Anspruch auf Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II. Da hat er uns was eingebrockt, der Peter. Hätte er nicht Fröhlich heißen können, oder Franken oder Dollar? Egal. Ja, sie bekommt Hartz, aber das wird ihr eingeteilt und jetzt ist alles weg. Klar, es ist der letzte Tag des Monats. Ich bin schon ein paar Meter weitergegangen als mir einfällt, dass ich keinen Namen erfahren habe, soviel will ich noch wissen. Ich drehe mich um und frage. Hier wird die Verständigung undeutlich, offenbar habe ich meinen Zweck erfüllt, jetzt bin ich lästig. Jolo, Golo, Jodo? Dodo höre ich barsch, von Dorothea aber alle nennen mich Dodo. Eine weitere Unterhaltung wäre aussichtslos. Dodo oder Doro gehört eben nicht zu den offenen Menschen, hat jetzt ihr Handy herausgeholt und fingert daran herum. Angepumpt werden ist nunmal nicht immer geschichtenträchtig.
Keine fünfhundert Meter weiter das andere Extrem. Die junge Frau Mitte Dreißig hat das dritte Auge oder den siebten Sinn. Sie ahnt auf zehn Meter Entfernung, dass sie da ein fremder Kerl ansprechen will. Ich überschreite gerade den in Europa wohl üblichen Abstand um ein Gespräch zu beginnen, da fängt die junge Fremde an einer anderen Person weiter hinten zu winken. Vielleicht ihr muskelbepackter Freund, der an einer Allergie gegen fremde Männer leidet. Ich funktioniere wie gewünscht, gehe weiter und bin später über mein eigenes automatisches Verhalten verblüfft. Denn da ist kein Bekannter, kein Freund, kein Muskelberg. Ein paar hundert Meter weiter drehe ich mich um. Die Frau steht noch immer an der gleichen Stelle. Allein und wartend. Ich mache mir kein Urteil, kenne die Fremde und ihre Geschichte nicht, weiß nicht was sie schon erleben musste. Hinnehmen wie es ist und wieder einmal erfahren: Wer loszieht erlebt Geschichten, unweigerlich und unumgänglich.

Ich betrete Essen-Huttrop und sogleich wird es göttlich. Hier baut die evangelische Kirche ein Seniorenzentrum, das Paulus-Quartier. Mit 99 Apartments für stationär Pflegebedürftige. Zudem wird es etwa ein Drittel so viele Wohnungen mit Service für betagte Menschen geben und eine eigene Kindertageseinrichtung. Jeder Fondmanager wäre begeistert über eine solche Diversifizierung, von jung bis alt ist für jeden etwas dabei. Gleich nach der Privatisierung des Bildungssystems entstehen dann hier in einem Anbau noch eine Grund- und eine weiterführende Schule. Nein, die Schulen habe ich dazu erfunden. Es hätte zu schön gepasst.

Freuen würde das aber Srikan (Name nicht verändert aber garantiert falsch geschrieben). Er betreibt das Friends Cafe Bistro. Gerade ist nicht viel los erklärt er, die Berufsschule ein paar Straßen weiter ist geschlossen – Sommerferien. Daher hofft er auf die zukünftigen Besucher des Paulus-Quartier. Nicht gerade die 99 Bettlägerigen aber doch ihre Angehörigen. Ich schweige über die Inbrunst, mit der der Durchschnittsbürger seine stark pflegebedürftigen Angehörigen im Heim besucht. Auch, dass wohl Kindergärten und Eltern eine Drive-In Spur zur schnellstmöglichen Verladung des Nachwuchs jedem Café zum Verweilen vorziehen, fällt mir erst später ein. Der Junge Mann aus Srilanka strahlt dennoch Ruhe und Zuversicht aus. Er kam vor fünfzehn Jahren nach Deutschland. Offensichtlich stolz, sich als Cafébetreiber zu behaupten, erzählt er von seinem Sortiment. Das Café ist geschmackvoll eingerichtet und Srikan empfängt sogar noch fünfzehn Minuten vor seinem Feierabend einen Kaffeebesteller wie mich, der es neben einem Kaffee vor allem auf einen stillen Ort abgesehen hat. Zum stillen Schreiben und stillen Sitzen. Den Laptop stecke ich wieder ein als ich erfahre, dass Srikan gleich schließen möchte, das stille Sitzen nehme ich mir aber noch heraus, ohne das kann ich nicht weiter.

Kurz nach neunzehn Uhr erblicke ich die Essener Skyline. Unter mir verläuft die A40. Vorbei am historischen Wasserturm. 1920 hat sich hier die Sicherheitspolizei mit den Putschisten über den Haufen geschossen. Wasser war wohl schon immer ein Grund zum Töten.

Um halb Acht muss ich über das betagte Pärchen vom Morgen lachen. Der Mann fragte mich scherzhaft ob ich denn in Essen den Bischof besuchen wolle. Jetzt stehe ich vor der bischöflichen Bürotür. Hollerstraße 7, Bischöfliches Generalvikariat Bistum Essen, steht da. Eine schöne Adresse, eine Glasfassade zum Hinten über Kippen. Das macht transparent und strahlt Leichtigkeit aus, die Nachbarschaft passt, hier im selben Gebäude residiert auch Thyssen Krupp. Ich verzichte auf eine Vorsprache beim Bischof. Ich bin vor Jahren aus der Kirche ausgetreten. Heute will ich nur noch eine Adresse betreten – meine.

Ein letzter Gang muss aber noch sein. Zum Verständnis ein Vorwort: Ich habe keine Ahnung von Hotels, habe noch nie selbst eines gebucht und kenne mich mit den Gepflogenheiten nicht aus. Übernachtung ausserhalb der eigenen Wohnung ist ohnehin ein kompliziertes Thema für mich, bin ein Reiseamateur. Jetzt aber will ich Fortschritte machen. Ich betrete das Ibis. Die Kette hat an vielen Hauptbahnhöfen Hotels errichtet. Ich will mich kundig machen. Für meine bisherigen Erfahrungen betrete ich eine neue elegante Welt. Normalerweise bedrückt mich elegante Innenausstattung. Leer darf es sein, aber auch gemütlich. Glastischen, auf denen Glasvasen stehen, kann ich nichts abgewinnen. Der Mitarbeiter am Empfang ist freundlich und gibt dem durchgeschwitzten Rucksackschlepper Auskunft. Man kann hier die ganze Nacht lang einchecken, keine verschlossenen Türen für den Fall, dass man später ankommt als erwartet. Ja, in der Regel sei immer noch ein Bett frei, an Messetagen sollte man aber zuvor anrufen und sich versichern, dass noch Plätze zu haben sind. Die Nacht für Einzel- und Doppelzimmer kostet 58 Euro. Wieder einmal merke ich, dass ich mir das leichte Hergeben von Geld schwer fällt, dabei handelt es sich hier gar nicht mal um ein teures Hotel. Es geht günstiger, aber ganz leicht auch teurer.

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Auf dem Weg zum Bahnhof überschlage ich die Kosten für einen Monat Reisen und Übernachtungen in Hotels und Staune. Die Erkenntnis erschlägt mich am Ende des Tages. Zum Reisenden fehlt mir noch so einiges.

Zurück mit der Bahn, hier habe ich mich schon an das gedankenlose hingeben von Geld gewöhnt, ärgere mich nicht mehr sondern staune nur noch, dass ich für eine Hinfahrt 5,50 Euro, für die gleiche Fahrt zurück aber 13,50 Euro zahle.

Als ich den Zug letztmalig für diesen Tag verlasse und die letzten Meter noch einmal zu Fuß zurücklege, regnet es. Der Regen war am Morgen meine größte Sorge, jetzt ist er ein gewohnter Begleiter. Der Rücken schmerzt nicht, auch am nächsten Tag werde ich keine Wehwehchen verspüren. Der Rucksack hat sich bewehrt, hat die Elf Kilo von meinem Rücken ferngehalten und auf meinen Hüften abgeladen. Ok, die brennen schon ein wenig, alles andere wäre aber auch nicht des Schreibens wert. Am Ende des Tages habe ich 23,4 Kilometer zurückgelegt. Was einem eine solche entschleunigte Reise bringt, sind diese unzähligen einmaligen Begegnungen und Eindrücke. Die bleiben. Der Gedanke begleitet mich bis in den Schlaf: Davon will ich mehr. Viel mehr.

Marco Mattheis
3. August 2015

4 thoughts on “Zu Fuß von Bochum nach Essen – Ein Reisebericht

  1. Gen

    Oh wow…ich bin gerade schwer beeindruckt von deinem Bericht. Eine tolle Idee und mal wieder richtig gut geschrieben. Könnte auch genau so in der Zeit veröffentlicht werden. Wie spannend das Leben zu sein scheint, wenn man zumindest zeitweise darauf verzichtet sich von dem schlauen Telefon leiten zu lassen. Ob ich mich das wohl trauen würde, das Experiment zu kopieren? Weiss nicht. Mir hat das Smartphone das Leben in den letzten Jahren leider auch so ziemlich abtrainiert. Ich weiss nicht mal, ob ich mich überwinden könnte ohne Smartphone mit der Bahn in eine unbekannte Stadt zu fahren :O

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    1. Marco Mattheis

      Nicht mehr auf das smarte phone verlassen, vielleicht das letzte große Abenteuer für den Alltag. Bestimmt aber eines, das einen neuen Blick macht und neue Erfahrung bringt. Ich danke dir für dein Lob. Damit hast du mir einen lauen Sommerabend versüßt.

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