Und die Reichen lachen uns Minimalisten aus…

Anlass des heutigen Artikels ist ein Kommentar auf Facebook zu einem meiner letzten Beiträge hier, nachdem Daniel (von Schlichtheit.com) ihn verlinkt hatte. Es ging um meinen Beitrag zum Thema Immobilien (Warum der Kauf einer Immobilie für mich nicht in Frage kommt).

Der Kommentar ging so:”Dafür besitzen die Superreichen Trendmacher um so mehr Villen am Meer und lachen über freiwillig Besitzlose.”

Das brachte mich auf die Idee einmal ganz generell über dieses Thema zu schreiben, denn der Satz bringt etwas auf den Punkt, über das ich mir auch schon meine Gedanken gemacht habe.

Der Grundgedanke geht ja ungefähr so:

Es ist doch naiv zu glauben, dass man mit dem Minimalismus die Welt zu einem besseren Ort macht. Gleichzeitig gibt es weiterhin superreiche Menschen, die es nicht kümmert und die sich höchstens darüber lustig machen, dass es da so ein paar Spinner gibt, die auf Besitz, Eigentum, Karriere, viel Geld, Macht, Statussymbole etc. verzichten. 

Ich beleuchte das einmal von allen Seiten, die mir dazu eingefallen sind (Unvollständigkeit garantiert):

Garantiert gibt es da draußen auf der Welt eine ganze Menge Leute, die sich über meinen (unseren) Lebensstil lustig machen. Das nehme ich diesen Menschen aber überhaupt nicht übel. Manchmal passiert mir das ja auch. Dann belächle ich Menschen mit super teuren Sportwagen oder riesigen Villen, die sie kaum bewohnen können, da sie ständig in der Welt unterwegs sind, um das Geld heranzuschaffen, um ihren Lebensstil zu halten. Ein bisschen mache ich mich dann auch über diese Menschen lustig, also dürfen die das auch über mich. Damit habe ich gar kein Problem.

Wahrscheinlich verbessere ich mit meinem Lebensstil nicht die Welt. Mein direkter Einfluss ist zugegeben relativ klein. Das, was ich nicht kaufe, kaufen andere umso mehr. Keine Frage. Mein indirekter Einfluss (durch meinen blog, meine Gespräche mit anderen, als Vorbild für meine Tochter) ist auch nicht so groß, dass ich einen Trend auslöse. Auf der anderen Seite gehören zu einem Trend am Anfang immer eine kleine Gruppe, die etwas ganz anders macht. Die haben am Anfang vermeintlich auch gar keinen Einfluss und werden als Spinner betrachtet.

Und wer garantiert uns denn, dass jene Superreichen stets viel glücklicher sein müssen als irgendjemand anders. Die Glücksforschung hat längst bewiesen, dass ab einem gewissen materiellen Wohlstand, mehr Geld nicht glücklicher macht. Ich glaube eher, dass zu mehr Besitz und Wohlstand auch häufig mehr Angst gehört. Angst vor dem Verlust von Geld, Besitz, Freunden.

Es gibt für mich eine Reihe guter Gründe den Minimalismus als Lebensstil zu verfolgen und ihn auch anderen ans Herz zu legen.

Der wichtigste Grund: Mir gefällt dieses freiwillig besitzreduzierte Leben ganz einfach. Ich fühle mich wohl damit. Es gibt mir Sicherheit ohne großen Aufwand. Ohne mehr dafür arbeiten zu müssen. Ohne Angst haben zu müssen, es irgendwann einmal verlieren zu können. Kurz: Ich bin die meiste Zeit glücklich mit diesem Leben und ich kenne kein anderes wichtigeres Ziel im Leben als dieses. Sollen die Superreichen also nach noch einer Villa an irgendeinem Meer streben, ich bin heute schon da, wo ich sein will.

Das Leben als Superreicher würde mir wahrscheinlich auch nicht besonders gut gefallen. Wer hat sich diese Frage noch nicht gestellt: Wie wäre mein Leben, wenn ich morgen im Lotto gewinnen oder auf eine andere Weise plötzlich eben Superreich wäre. Für mich birgt die Antwort mehr Risiken und Unglück als ich haben möchte. Sich mit Freunde über gewöhnliche Geldsorgen unterhalten, ginge dann nicht mehr. Da wäre man schon einmal gänzlich aussen vor. Also müsste ich dann meine Freunde neu wählen? Vermutlich müsste ich dann ein großes Haus kaufen und in den Skiurlaub fahren. Das Haus wäre so groß, dass ich Personal anstellen müsste. Dabei will ich keine fremden Menschen in meiner Wohnung haben, wenn ich selbst nicht da bin. Ein Graus. Und Skifahren mag ich erst recht nicht. Es ist kalt und man verdreht sich die Beine, die Knie können kaputt gehen. Ich gehe viel lieber wandern. Welcher superreiche Freund würde sich denn mit mir im Sommer fünf Tage in die Wälder schlagen, wo ich jetzt schon niemanden finde, der diese Verrücktheit mitmacht?

Ich bräuchte auch nicht mehr Arbeiten. Für viele ist das ja das ultimative Lebensziel. Rente oder Lottogewinn. Nur nicht mehr zur Arbeit gehen müssen. Das hatte ich übrigens auch lange gedacht. Jetzt, da ich in Teilzeit arbeite, weiß ich es besser. Keine Arbeit ist auch keine Lösung. Es war einfach bisher immer zu viel. Ich kenne jetzt beide Seiten. 9 Monate zu Hause ohne Arbeitskollegen, den ganzen Tag frei (während alle Freunde keine Zeit haben, weil sie eben arbeiten sind). Nein, ich mag meine Arbeitskollegen und mittlerweile die meiste Zeit auch meine Arbeit. Nein, das Leben eines Superreichen möchte ich nicht haben. Na klar, ich will auch keine Geldsorgen haben, wer will das schon. Immer ein kleines Polster, damit ich finanzielle Überraschungen ausgleichen kann, das soll da sein.

Und übrigens (ich kann es gar nicht häufig genug sagen), hat Minimalismus und freiwilliges einfaches Leben absolut nichts zu tun mit unfreiwilliger Armut. Und es heißt auch nicht, dass es mir egal ist, dass die Vermögen auf dieser Welt so vollkommen ungleich verteilt sind. Aber der Umkehrschluss ist eben auch nicht besser. Nur weil eine kleine Gruppe sich voll daneben benimmt, legitimiert mich das nicht, es auch zu tun. Nur weil einige Länder (wir gehören leider mit dazu) meinen, dass es ihnen zusteht, die meisten Ressourcen dieser Welt zu verschlingen, heisst das nicht, dass alle anderen Länder dieser Welt klug beraten sind, sich auch auf diesen Weg zu begeben. Und nur weil einige Superreiche ihr Vermögen dazu nutzen sich zur Schau zu stellen und ihre Bekanntheit dazu nutzen, noch mehr Geld anzuhäufen, heisst das nicht, dass dieser Lebensstil die Garantie für ein glückliches Leben ist. Ich jedenfalls glaube an dieses Märchen nicht mehr und träume nicht mehr vom Lottogewinn oder die Rentenzeit. Auch bemühe ich mich solche Gefühle wie Neid nicht aufkommen zu lassen, nur weil ein ganz kleiner Ausschnitt aus dem Leben eines anderen besser wirkt.

Eure Meinung zu dem Thema würde mich an dieser Stelle äußerst interessieren. Was ist zu tun mit den Superreichen dieser Welt? Sie beneiden, sie in Ruhe lassen, sie entmachten, sich erinnern, dass auch das Menschen sind und man jeden Menschen immer als Einzelfall betrachten sollte? Oder etwas ganz anderes?

 

11 thoughts on “Und die Reichen lachen uns Minimalisten aus…

  1. Doris

    Jeder muss selbst wissen, wie er lebt, unabhängig vom Geldbeutel, finde ich. Über andere lachen ist irgendwie grundsätzlich ärmlich. Mein Gefühl ist auch, dass wer sich bewusst für wenig entscheiden kann, damit wirklich glücklich und zufrieden ist, einen wertvollen Reichtum besitzt.
    Viele Grüße, Doris

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  2. Astrid

    Lieber Marco,

    mehr Besitz – mehr Erhaltungswillen. Mehr Angst, es zu verlieren.
    Wenngleich vielleicht auch nur unterschwellig.

    Ich bin fest davon überzeugt: Je zufriedener wir sind, wenn wir das erleben, was uns wirklich glücklich macht (in einer Gemeinschaft gebunden zu sein und jeden Tag zu zeigen, dass wir etwas können), je weniger brauchen wir materielle Dinge. Meist ist der Besitz der “Reichen” der Blick in die innere Leere.
    Und wenn es die “Reichen” nicht gäbe, gäbe es auch keine Minimalisten. So, wie es die Wahrheit nicht gäbe, wenn es keine Lüge gäbe.
    Liebe Grüße aus Berlin.
    Astrid

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  3. Tanja Heller

    Strand mit Villa zubauen geht schon mal gar nicht für mich.

    Was würde ich mit viel Geld machen?
    Dazu ist mir neulich nix eingefallen.

    Was würde ich mit nur noch wenig Lebenszeit machen?
    Da ist mir sehr viel eingefallen.

    Ich hab immer gemacht, was ich wollte. Deshalb finde ich Bucket-Listen auch überflüssig. Da fällt mir nix ein.
    Ich würde es wie Sido machen: Spartanisch weiter leben, Fahrer + Auto holen. Hab, wie er keinen, Führerschein. 🙂

    Liebe Grüße – Tanja

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  4. Gabi Raeggel

    Hallo Marco, du sprichst mir aus der Seele – dein Text gefällt mir wirklich supergut. Soll sich von irgendwelchen Superreichen lustig machen, wer will – ich mach mich ja umgekehrt durchaus auch mal lustig. Alleine sich ständig für irgendwelche Cocktailpartys in neue Kleidung zu werfen – ein Horror für mich. Und dieses Zeugs müsste ich dann ja erstmal kaufen – ein noch größerer Horror. Und mir ständig Gedanken machen, wie ich das Geld anlege, welche Aktien, wieviele Häuser und lauter so ein langweiliges Zeugs: Nein Danke! Außerdem: Ich schlafe so einfach besser. Wenn ich wüsste, ich wäre steinreich und allerorts auf der Welt gehen Menschen wegen Armut und Ausbeutung zu Grunde, macht die Natur schlapp, weil ich als irgendeine Superreiche mal ordentlich an der Ausbeutung beteiligt bin und nicht ernsthaft was abgeben oder Leute ordentlich bezahlen will: Nein Danke! Ich würde kein Auge mehr zutun. Es ist so schon schlimm genug, wenn ich mir vorstelle, ich wäre dann auch noch superreich, nein wirklich nicht. Aber vielleicht habe ich auch einfach noch sowas altmodisches wie ein Gewissen – vielleicht sitzt das ja genau da, wo bei anderen die Gier sitzt?

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    1. marcomattheis Post author

      Stimmt. Wobei wir hier ja auch nicht “alle” reichen über einen Kamm scheren wollen. Es gibt genug sehr reiche Menschen, die ihr Geld und ihren Einfluss auch nutzen, um die Welt ein Stückchen besser zu machen. Je älter ich werde, um so mehr glaube ich, dass es lohnenswerter ist, in Einzelfällen anstatt in Schubladen zu denken.

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  5. Stefan

    Bin völlich deiner Meinung. ich lebe auch minimalistisch (soweit es geht mit 2 Kindern).
    Bin 44.
    Meine Entscheidung vor 15 Jahren einen 4 familienhaus zu kaufen (ohne Eigenkapital) das schon durch Mieteinahmen abbezahlt ist habe ich NIE bereut. Noch 5-6 Jahre muss ich die Mieteinahmen für Modernisierungen ausgeben und dann kann ich von ca. 3000 € Mieteinnahmen mir keine Geldsorgen machen.
    Wenn man Minimalismus mit einem passiven Einkommen kombinieren kann ist das sehr beruhigend, auch wenn es “nur” 1000 e mtl. sind.
    Was nicht heisst daß ich deine Einstellung falsch finde.

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    1. marcomattheis Post author

      Hallo Stefan,
      da stimme ich dir eigentlich voll und ganz zu. Mein Artikel (meine Meinung) bezieht sich auch eher auf den Punkt des selbst genutzten Eigentums (also solche Dinge, die kein eigenes Einkommen generieren). Das Thema passive Einkommen finde ich sehr spannend, reicht aber sehr weit in den Bereich “investieren” etc. hinein und da muss jeder für sich selbst schauen, wie er das macht. Das ist nicht ganz Thema meines blogs. Häuser als passives Einkommen wäre für mich persönlich nicht das richtige, weil ich an den damit verbundenen Themen kein Interesse habe. Aber richtig, man sollte sich überlegen wie man mit überschüssigem Geld umgehen will. Ein kleines passives Einkommen kann da sehr angenehm sein.

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  6. Caro

    Ich erkläre meine Theorie aus Sicht der Psychologie. Gier ist für mich das Anhäufen von mehr Besitz als nötig, es ist die Motivation hinter dem Besitz mehrerer Villen. Gier ist des Weiteren für mich eine Form der Aggression (im Sinne einer Bewegung/Aktivität des Lebendigen). Aggression ist ein Schutzmechanismus des Körpers gegen Schmerz. Gier ist also eine Bewegung von einem Schmerz weg. Was das genau ist, ist nicht wichtig, es könnte Angst sein, nicht beachtet zu werden, ein niedriges Selbstwertgefühl, ein Mangelgefühl oder irgendwas anderes. Fakt ist, wer mehr Materielles anhäuft, als er braucht (oder isst als der Körper braucht, oder trinkt, als gut ist für die Leber), ist auf der Flucht vor sich selbst. Er versucht, etwas auszugleichen, ohne sich dessen bewusst zu sein oder zu wissen, was es ist. Das ist sehr traurig und lässt mich persönlich nicht neidisch auf reiche Menschen blicken. Sie brauchen eigentlich jemanden oder etwas, das ihnen sagt, dass alles gut ist, das sie gut sind, ich denke, dann würden sie zur Ruhe kommen.

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    1. marcomattheis Post author

      Hallo Caro,
      interessante Gedanken. Für viele Leute trifft das vermutlich auch zu, ich glaube aber nicht für alle. Zudem sind viele von uns (ob reich oder arm) ja auch so sozialisiert worden, dass das Anhäufen von allem etwas gutes ist. Ein Buddha in mitten von einem Dekohaufen zum Beispiel. Neidisch auf sehr reiche Menschen bin ich aber ebenfalls nicht, eher neidisch auf Gesellschaften, denen es gelingt das Geld gleicher zu verteilen bzw. umzusteuern.

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