Stille Tage in Witten (1)

Seit neun Tagen beobachte ich meine smartphone Nutzung. In Dauer und Häufigkeit. Dank einer app (Moment) kann man das sehr genau messen. Die Ergebnisse haben mich erschrocken. Vor allem, weil ich mein smartphone jetzt in der Beobachtungsphase schon viel seltener nutze. Ich achte viel bewusster darauf, ob es wirklich nötig ist, mal eben auf die Uhr zu gucken oder mal kurz nach neuen Nachrichten zu schauen.

An Spitzentagen greife ich 28 mal zum iphone. 

Durchschnittlich greife ich 18 mal pro Tag zu meinem iphone. Das sind (youtube Hören mit Einschlafen am Abend ausgenommen) im Durchschnitt 30 Minuten pro Tag.

Man kann lange darüber diskutieren, ob das viel oder wenig ist. Interessant sein eigenes Verhalten einmal zu beobachten, ist es allemal. Ich finde 30 Minuten pro Tag nicht schlimm. 18 mal auf das Display gucken, davon geht meine Welt auch nicht unter. Obwohl ich gewettet hätte, dass es weniger ist. An Spitzentagen greife ich 28 mal zum iphone.

Mal nebenbei, das nervt.

Was mich nervt ist aber etwas ganz anderes. Das smartphone ist für mich in den letzten Jahren zum ultimativen second screen geworden. Ich nutze es  vor allem nebenbei. Wer in meinen Einträgen ein wenig zurück blättert, findet einen Artikel zu diesem Thema. Da behaupte ich, dass ich nicht zum smartphone Verweigerer werden will. Will ich auch immer noch nicht. Aber es tut gut, es nicht mehr nebenbei zu benutzen. Lesen in der Warteschlange ist so ein tolles Beispiel dafür, dass scheinbar jede noch so kleine Phase mit Leerlauf dazu verwendet werden muss, produktiv zu sein. Und wenn es nur das Lesen eines Buches so nebenbei ist. Gefühlt sind 90% meiner Aktivitäten am smartphone nebenbei. Ich rede nebenbei mit Freunden, ich texte nebenbei mit Freunden, ich reagiere nebenbei auf schlechte Nachricchten, ich freue mich nebenbei, ich höre nebenbei interessante podcasts und bekomme nur die Hälfte mit, ich treffe nebenbei Finanzentscheidungen, die ich vielleicht besser noch einmal überdacht haben sollte, ich suche nebenbei eine Bahnverbindung heraus und muss sie auf dem Weg zum Gleis noch dreimal nachlesen, weil ich mir nichts merke, was ich mal eben nebenbei gelesen habe. Das nervt.

Ändere nichts, beobachte dich nur selbst.

Aber ich will noch nicht in den Reflex verfallen, jetzt alles sofort ganz anders zu machen. Ich bin ja auch erst am Tag 30 einer anderen Gewohnheitsänderung. Denn während ich schreibe, steht ein Stück weit entfernt auf dem Küchentisch ein Milchkaffe (ohne Zucker). Den trinke ich nicht nebenbei, sondern ganz bewusst. Wieder so ein Beispiel, dass alleine die Selbstbeobachtung zu einer Verhaltensänderung führt.

Und während ich tippe, ist es still. Keine Musik nebenbei, auch kein youtube video einen tab weiter. Nur die Tastatur und ich und das monotone Surren des Kühlschranks hinter mir. Diese Stille, die tut richtig gut.

Marco Mattheis, 8.Okt. 2015

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