Minimalismus Superheld?

„Wir gehen das Ganze von der falschen Seite an. … Wir dürfen nicht die Sachen aufschreiben, die wir gut gebrauchen könnten, sondern bloß die, ohne die es auf gar keinen Fall geht.“
„Drei Mann in einem Boot“ von Jerome K. Jerome

Das was jetzt kommt, gehört aufs Treppchen. Unter die Top Drei der wichtigsten Klärungen im Thema Minimalismus. Der blogger Daniel (schlichtheit.com) hat es in einem seiner Einträge auf den Punkt gebracht. Ich bin kein Minimalismus-Superheld. Ich auch nicht. Und bisher bin ich auch noch keinem begegnet. Urkomisch ist, dass nur Wenig-Besitzer sich überhaupt den Fingerzeig auf ihren restlichen Besitz gefallen lassen müssen. Man stelle sich die Forderung an Herrn Müller mit Eigenheim vor, er solle doch mal richtig konsumieren, wenn er sich schon als Normalverbraucher ausgeben wolle.

Ihr Hauskredit alleine macht sie noch lange nicht zum Konsumenten Herr Müller. Warum kein neues Auto, ein Pauschalurlaub Las Vegas (3 Wochen, jedes Jahr) und alle zwei Jahre einen neuen Fernseher? Kein Geld soll nicht als Ausrede gelten, laufen sie los und holen sie sich gleich jetzt den nächsten Kredit. Stop, genug der Spinnerei.

Als einer aber, der sich dazu bekennt im nächsten Jahr weniger Haben zu wollen als heute, höre ich die gleiche Forderung regelmäßig. Da zuckt der Finger mit einem Lächeln auf den Laptop und das smartphone. Wie passt denn das zum Minimalismus? Deshalb die Klarstellung. Minimalismus heisst mehr Wasser aus dem Boot pumpen als reinläuft. Ich besitze einen Laptop, ein smartphone, habe eine Krimskramskiste und ständig Dinge, von denen ich glaube mich trennen zu können, es aber es noch nicht geschafft habe. Der Unterschied zwischen Herrn Müller und mir und all den anderen Minimalisten ist die Tendenz. Während sich die einen (mal länger mal kürzer) überlegen, ob sie sich ein weiteres Teil ins Haus holen, überlege ich, welches meiner unnütze Teile ich raus bekomme. Mit Betonung auf ich und mein.

Für mich ist auch nicht wichtig wie viele Sachen einer hat. Die Minimalisten Plakette kommt nicht mit der Post, wenn man die berühmten 100 Dinge unterschritten hat. David Michael Bruno startete 2008 seine Challenge nur 100 Dinge zu besitzen und schrieb darüber ein Buch und einen blog. Was genau 1 Ding ausmacht, wurde jedoch nie klar. Zur Verteidigung sei auch hier gesagt, dass es Herrn Bruno nie darum ging, sondern auch um das Anfangen. Die Zahl 100 hat nunmal eine eigene Ästhetik. Sie klingt schwieriger als 1000 und machbarer als 1 oder 10.

„Wie viele Menschen beladen ihr Boot auf dieser Reise so sehr mit unnützen Sachen, dass es vollzulaufen droht. Sachen, von denen sie glauben, dass sie dem Vergnügen und der Bequemlichkeit der Fahrt dienen, die aber eigentlich nichts als Ballast sind. Bis an die Mastspitzen stapeln sie ihr schwaches kleines Fahrzeug voll mit schicken Kleidern und imposanten Häusern, mit überflüssigem Personal und einer Masse feiner Freunde, denen sie höchstens ein müdes Lächeln wert sind und für die sie selbst noch nicht mal das investieren würden, mit teurem Spielzeug mit dem niemand spielt, mit Ritualen und Moden, mit schönem Schein und dickem Protz und mit, – und das ist der schwerste idiotischste Ballast überhaupt –  mit der Furcht vor dem, was die Nachbarn sagen könnten. Mit Luxus, der ihnen hochkommt, mit Amüsement, das sie zu Tode langweilt, mit hohlem Getue das Kopfschmerzen und Schwindel verursacht wie die Eisenkrone, die einst Verbrechern aufgesetzt wurde.“

 „Drei Mann in einem Boot“ von Jerome K. Jerome

Um einen eigenen Maßstab dafür zu finden, wie viel ich ganz privat noch an Besitz mit mir herumschleppe, wiege ich gelegentlich meinen Besitz. Das ist natürlich leichter, je weniger man hat. Und auch hier bin ich gnädig mit mir selbst, lasse es nicht aufs Gramm ankommen. Ich finde die Vorstellung spannend zu wissen, wie schwer der Bollerwagen wäre, wollte ich mit allen mir wichtigen Dingen von einem zum anderen Ort. Wie schwer eben mein persönliches Boot auf der Fahrt im Leben ist, und ob es noch leicht zu steuern ist.

Zurück zur Definition eines richtigen Minimalisten. Vor allem anderen geht es um die Erkenntnis, dass das eigene Glück dauerhaft nicht mit mehr Besitz zu steigern ist. Wer unfreiwillig seinen Besitz verloren hat, ist nicht glücklicher Minimalist, sondern armes Schwein. So sei es auch für all die Zyniker einmal hingeschrieben, für alle die insgeheim glauben mit dem Gedankengut der Minimalisten ihre erbärmliche Ideologie umsetzen zu können. Obdachlose Menschen, Flüchtlinge und schlicht an Besitz arme Menschen überall auf der Welt sind keine Minimalisten. Welches Monster würde auch von einem, der gerade durch einen Naturkatastrophe alles verloren hat, behaupten, dass es so besser wäre, da jetzt endlich Minimalist. Pfui, wer so auf die Würde des Menschen zu spucken versucht. Minimalismus und der Wunsch in einer überladenen Gesellschaft weniger zu Besitzen hat nichts mit relativer oder absoluter Armut zu tun, nichts mit dem Arbeitslosen in Deutschland und nichts mit dem Flutopfer in Thailand. Es ist ein Akt aus Freiwilligkeit und eigenem Antrieb, der mit Reichtum oder Armut rein gar nichts zu tun hat. Häufig ist sogar das genaue Gegenteil der Fall, wenn gerade gut und sehr gut verdienende Menschen anfangen ihren Plunder über Bord zu werfen und ihr Lebensboot leicht machen.

Ich glaube diese sind unter den Minimalisten sogar die Mehrheit, verdienen jeden Monat mehr Geld als sie zum Glück  brauchen, sind schon lange das was sonst noch alle Konsumenten werden wollen, sind finanziell unabhängiger, arbeiten nur noch in Teilzeit oder so mancher nur noch aus Freude an der Tätigkeit.

Minimalismus bedeutet auch Wandel. Das Boot, der Rücksack, die Kiste, der Schrank, sie sind irgendwann leicht und enthalten nur wenig. Das heisst aber nicht, dass es immer die selben Sachen sein müssen. Minimalisten trennen sich leichter von Dingen, die sie nicht mehr brauchen und machen Platz für Dinge, die sie aktuell benötigen. Ich will in meinem Leben noch viel entdecken, vielleicht brauch ich dafür ein paar andere Sachen als heute und kann mich dann wieder von anderen Dingen trennen, sie weiterreichen. Wichtig ist mir, dass sich nichts ansammelt und verstaubt und dass die Dinge, die ich besitze einen wichtigen Platz in meinem Leben haben, nützlich für mich sind und von guter Qualität. Mit leichtem Gepäck durchs Leben mit dem Blick die meiste Zeit in die Zukunft, auf all die spannenden Dinge, die dort noch auf uns alle warten.

Marco Mattheis, 16.Okt. 2015

One thought on “Minimalismus Superheld?

  1. Tanja Heller

    Hallo Marco,
    umgekehrt. Ich stelle gerade fest: dass das eigene Glück dauerhaft nicht mit WENIGER Besitz zu steigern ist. Bin gerade am ausmisten und gestern hab ich mir zum ersten Mal 2 Sachen wieder aus dem Keller zurück geholt. Was soll das bringen, hab ich mich gefragt. Wenn ich mal umziehe, kann ich die Sachen auch dann noch exen um einen Karton weniger zu haben. Musste auch an dein Wiegen denken. Hab leider keine Waage. Mein Ziel ist es, leichter zu werden. Hab Rücken! Jetzt ziehe ich aber nicht um. Dave Bruno hat ja alles mitbenutzt von der Familie. Er meinte ja nur die persönlichen Sachen. 100 Sachen. Ist bei mir auch nicht mehr.

    Liebe Grüße – Tanja

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