Minimalismus in Partnerschaft mit Kind

Auf meinen Artikel Minimalismus aus anderer Sicht: Wie viel wiegt unser Besitz? schrieb Tanja mir einen Kommentar mit besonders spannenden Fragen. Hier noch einmal ihr Kommentar und im Anschluss meine Antworten in Form eines eigenen Artikels. Es gibt manche Kommentare, da passt die Antwort nicht in einige Sätze.

Nach Pias Artikel frag ich mal nach, Marco: Wobei dir ja noch der Besitz der Tochter gehört. Das sind ja auch noch deine Sachen. Oder nur zur Hälfte?

Bei den Sachen unserer Tochter (bald 2 Jahre alt) mache ich mir es gedanklich relativ einfach. Die Sachen meiner Tochter gehören ihr, nicht mir. Das heisst, auf die Sachen meiner Tochter (und allgemein anderer Leute), wende ich die Prinzipien meines Minimalismus nicht an.

Klar sortieren wir gelegentlich Sachen aus und die kleine hat garantiert (wie fast alle Kinder heute) mehr Spielzeug als sie braucht und eines Tages vielleicht sogar mehr als ihr gut tut (Konsumverstopfung und Überforderung hier nur als Stichworte) und natürlich werfe ich meine Weltsicht auch in die Waagschale, wenn es darum geht, was sie bekommt.

Aber ich glaube die meisten Minimalisten, die auch Kinder haben, werden mir zustimmen, wenn ich sage: Man sollte seine eigene Weltsicht (Minimalismus) nicht ungekürzt von seinen eigenen Kindern verlangen. Das gilt meiner Ansicht auch übrigens für alle anderen Weltsichten (z.B. Religion). Seinen eigenen Kindern seine Weltsicht aufzuzwingen (die Macht hat man als Eltern ja), hat meiner Meinung nach nichts mit Erziehung zu tun.

Würde ich mich darüber freuen, wenn die Wunschliste meine Tochter sich eines Tages auch ohne Ratenkredit bewältigen ließe? Ja!
Wäre ich stolz auf meine Tochter, wenn ich eines Tages ins Kinderzimmer komme und sie sortiert von alleine Sachen aus, die sie nicht mehr haben will? Und ob!

Erwarte ich das? Auf keinen Fall.

Ich selbst habe ich etwa 25 Jahre auf dieser Welt gebraucht um zu merken, dass ich drohe im Konsum zu ersticken und meine Wünsche sich nur darum drehen, wie ich möglichst reich oder berühmt (und damit reich) werden kann, um dann endlich ein glückliches Leben führen zu können. Ich glaube meinem und all unseren Kindern täte es gut, so früh wie möglich selbst zu erkennen, dass es ein “zu wenig” und ein “zu viel” gibt, und dass wir in den westlichen “Konsumdemokratien” (vgl. Nico Paech) fast immer unter “zu viel” leiden.

Wenn ich also “von Gewicht meines persönlichen Besitzes” rede, dann ist das ein sehr eng gefasster Begriff. Und es ist auch ein Stück weit künstlich und wenig aussagekräftig für bestimmte Lebenssituationen (Umzug, Urlaub etc.). Denn natürlich würde ich bei einem Umzug nicht zusehen, wie meine Freundin die Möbel versucht alleine in den Lieferwagen zu zerren.

Vor der Trennung nicht möglich in einer Wohnung, oder? Und sonst benutzt du nur mit deiner Freundin alles mit? Ist das dann ihr Bett, ihr Sofa? Ihre Küche? Hat nur sie das finanziert? Trägt sie das alleine zum Sperrmüll?

Auch richtig. Mein spielerischer Umgang mit dem Gewicht meines persönlichen Besitzes stößt auch an eine Grenze, wenn man in einer Beziehung lebt. Ich kann für mich selbst auch gar nicht beantworten, wie ich heute Leben würde, würde ich noch immer in einer Single Wohnung leben.

In meiner letzten Single Wohnung hatte ich keinen Fernseher, keinen Schreibtisch. Dafür eine alte Couch auf meinem Balkon und eine im Wohnzimmer. Ich habe auch keine Ahnung wie ich heute Leben und Wohnen würde, wenn ich nicht mit meiner Freundin in einer Beziehung leben würde?  Über diese Fragen denke ich nicht nach, weil alles Nachdenken über solche fiktiven Möglichkeiten ja nichts mit der Realität zu tun hat.

Natürlich benutze ich in unserer Wohnung auch das gemeinsame Geschirr, ich sitze Abends auf der Couch und nicht demonstrativ minimalistisch auf dem Boden davor. Ich koche auch häufig in unserer Küche (gemeinsam bezahlt), betreibe Körperpflege im gemeinsamen Bad (gemeinsam modernisiert) und schlafe mit Freundin und Töchterchen im gemeinsamen Bett.

Viel interessanter ist aber der Gedanke von Trennung und Minimalisten. Ich habe es schon häufig gehört und auch miterlebt, wie Paare im Falle der Trennung miteinander umgehen. Nicht selten fordert dann der eine (der, der die Wohnung verlässt) Geld vom anderen, weil er ja dieses oder jenes mit bezahlt hat.

Ich kann nichts über meine Emotionen im Falle einer Trennung sagen, aber wie sollte ich etwas für  Küche und Badezimmer  von meiner Freundin verlangen?

Was für ein lächerlicher Kleinkrieg wäre das auch zu errechnen wie viel Geld mir noch zustände abzüglich der Nutzungsgebühr. Der Gedanke alleine ist ja der helle Wahnsinn. Das darf jeder Handhaben wie er will, es gibt ja einen ganzen Berufsstand, der sich dieser Frage gegen viel Geld juristisch von beiden Seiten annähert. Am Ende gibt es dann aber doch irgendwie nur ein Urteil und niemand bekommt seine Gerechtigkeit, oder?

Wenn ja, hast du nicht das Bedürfnis, ein eigenes Sofa oder Bett zu besitzen, dich schön einzurichten? Es gibt so Männer, die kommen und gehen mit einer Tasche und denen fehlt nix. Das wäre dann wie Dave Bruno. Zählt seine 100 persönlichen Sachen und der Rest benutzt er mit der Familie mit.

Liebe Grüße – Tanja 

Auf Dave Bruno wird ja viel herumgehauen. Zugeben, seine 100 Dinge sind eben genauso künstlich wie mein Gedanke vom Gesamtgewicht. Ich denke bei beiden Modellen geht es nur darum, einmal die Augen aufzumachen und zu sehen, was man alles besitzt und dann selbst zu entscheiden, ob man es so haben will oder nicht. Dass ich für mich in meinem Minimalismus eine kleine sportliche Betätigung darin sehe, möglichst wenig und leicht zu sein, liegt vermutlich daran, dass ich jetzt schon seit 10 Jahren meinen Besitz reduziere und gerne wandere. Wenig und leicht eben.

Wenn ich heute wieder eine eigene Wohnung einrichten müsste, würde mir das vermutlich gar nicht so leicht fallen. Tatsächlich müsste ich dann erst einmal herausfinden, womit ich mich wirklich wohl fühle. Es wäre mit Sicherheit sehr viel weniger als heute in unserer gemeinsamen Wohnung, aber garantiert auch deutlich mehr als ich mir in meinen minimalistischen Tagträumen so ausmale. Aber das ist halt wieder so ein Gedankenspiel. Von denen möchte ich mich befreien, hier und jetzt soll es mir gutgehen und das tut es auch.

Ich genieße diese schönen Tage, ich lebe heute sehr viel zufriedener als noch vor 10 Jahren und ich hoffe in 10 Jahren noch zufriedener mit mir und der Welt zu sein, denn es ist ja nicht so, dass es nicht noch ein paar Baustellen in meinem Leben gäbe. Die erkenne ich aber immer nur dann, wenn ich die aktuellen Baustellen geordnet habe. Also nach und nach, was ja auch einer der Gründe für meinen blog ist.

Tanja, ich danke dir ganz ausdrücklich für deine Fragen, ursprünglich hatte ich für heute Abend einen anderen Artikel im Kopf gehabt. Der kann aber noch warten und kommt dann in den nächsten Tagen.

Marco Mattheis, 7.Mai 2016

 

3 thoughts on “Minimalismus in Partnerschaft mit Kind

  1. Gabi Raeggel

    Hallo Marco, ich sehe es ähnlich wie du: Wenn ich mit anderen Menschen zusammen wohne, konzentriere ich mich vorrangig erstmal auf meine ganz persönlichen Dinge. Und na klar, da gibts noch die gemeinsamen Bereiche, wie Küche, etc. – aber die sind wirklich zweitrangig. Da gäbe es natürlich einiges weniger, wenn ich alleine wohnen würde, aber: Wie minimalistisch ist das z.B., ein Bad ganz für sich selbst zu nutzen und die Küche? Ich finde es viel minimalistischer, mir einfach auch Dinge zu teilen, selbst wenn hier oder da mal was rum steht, was ich als Allein-Wohnende nicht hätte.

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    1. marcomattheis Post author

      Hall Gabi,
      das ist eine sehr kluge Ergänzung. Es könnte nämlich auch gut sein, dass ich als allein lebender Minimalist eher in einer Wohngemeinschaft leben würde, um eben solch große Dinge wie Bad und Küche zu teilen und vor allem den Platz nicht für mich allein zu beanspruchen. Danke für diesen Gedanken!

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