Kleidung

Es gibt Menschen, die können in wenigen Minuten ihre Urlaubstasche packen. Dann gibt es Menschen, die können aus ihrem Rucksack oder ihrer Reisetasche leben. Es gibt Menschen, deren Garderobe ist so übersichtlich, dass sie morgens mit wenigen Handgriffen ihre Kleidung für den Tag zusammen haben.

Häufig stehen wir aber morgens nicht nur vor unserem Kleiderschrank, sondern auch vor der Qual der Wahl. Ähnlich wie vor dem Supermarktregal mit den Marmeladen.

Dabei ist es längst bewiesen: Wer mehr Auswahl hat, braucht länger für seine Entscheidung. Und es fällt schwieriger eine Entscheidung zu treffen. Aber häufig haben wir trotz dieser Vielfalt später ein schlechtes Gefühl, eine Ahnung als hätten wir uns wahrscheinlich falsch entschieden, oder zumindest als hätte es eine noch bessere Entscheidung gegeben. So beginnt der Morgen mit mehr Aufwand als wir wollen und zurück bleibt ein überfüllter Kleiderschrank, mit Sachen von denen wir die meisten nie tragen. Das alleine wäre schon unerfreulich genug, aber die Wahrheit ist: Alle diese Dinge haben etwas gekostet:

Zuerst unser Geld. Und für die meisten bedeutet Geld verdienen ihre Lebenszeit an Ort zu verbringen und fremdbestimmt Dinge zu erledigen, während sie woanders viel lieber wären, um dort selbstbestimmt zu leben.

In all dieser Kleidung und übrigens auch allen anderen Dingen, die wir besitzen aber nie tragen oder benutzen, die wir nicht schön finden, die uns aber jeden Morgen im Weg sind, steckt aber noch mehr.

Noch mehr von unserer eigenen Lebenszeit: Beim Einkaufen, ganz gleich ob wir Zeit in einem online shop oder einem realen Laden verbracht haben. Viel von der Zeit, die uns vermeintlich fehlt um unseren Leidenschaften nachzugehen, geht verloren auf dem Weg Dinge zu kaufen.

Wer sich also fragt, warum ihm jeden Tag 10 Minuten fehlen um etwas zu tun, dass er wirklich gerne tun würde, könnte hier eine Antwort finden. Die Zeit hängt irgendwo zwischen unseren Kleiderbügeln.

Leider gehört zur ganzen Wahrheit auch, dass wir mit einer übertriebenen Nachfrage nach stets aktueller Modeware, das Leben anderer Menschen auf diesem Planeten beeinflussen. Häufig leider zum Negativen. Die sandgestrahlten Jeans mussten nunmal irgendwo auf der Welt von einem real existierenden Menschen mit einem Sandstrahler bearbeitet werden, einer der gesundheitsschädlichsten Produktionsschritte überhaupt.

Und das für eine Jeans, die uns im Zweifel nach dem Kauf schon nicht mehr gefällt oder die wir nur ein paar Mal tragen um sie dann im Schrank hängen zu haben, für irgendwann. Einem fiktiven zukünftigen Fall, der meistens doch nie eintritt.

Das häufig an dieser Stelle angebrachte Argument, durch unseren Konsum würden wir erst Arbeitsplätze und Einkommen für arme Menschen irgendwo auf der Welt schaffen, verfängt nicht.

Viel besser für alle Beteiligten wäre es vielmehr, würden wir weniger Kleidung kaufen und dafür bei jedem Teil einen ganz kleinen Betrag mehr zahlen. Die Arbeitsbedingungen jener Menschen, die wir nur aus Dokumentationen kennen, würden steigen, sie hätten noch immer genug Arbeit und dürften vielleicht auch schon nach 8 Stunden wieder zu ihren Familien zurück.

Überkonsum schafft keine gute Arbeit. Mit der gleichen Logik müssten wir alle unseren Müll auf die Straße werfen, jeden Tag Scheiben einschlagen und uns gegenseitig Krankenhausreif prügeln, um Arbeit bei Müllabfuhr, Glasern und im Gesundheitswesen zu schaffen.

Zurück zur Kleidung.

Ich habe mich lange gefragt, welche Kleidung sich so hartnäckig ansammelt und welche psychologischen Kräfte am Werk sind, dass es so schwer fällt, zu einem übersichtlichen Kleiderschrank zu kommen.

Der Mechanismus, der für einen überfüllten Kleiderschrank verantwortlich ist, ist schlicht: Wir kaufen mehr als wir Aussortieren und wir kaufen immer weiter, auch wenn wir längst schon mehr als genug Kleidung haben.

Wir behalten Kleidungsstücke aus vielen Gründen, auch wenn wir sie nicht mehr gebrauchen können.

Wir behalten die Hosen, in die wir nicht mehr passen, weil wir sie nach unserer Diät wieder anziehen wollen. Bis dahin ermahnen Sie uns aber jeden Morgen, dass wir uns für zu dick halten. Und je größer unsere gesamte Garderobe ist, desto mehr Kleidungsstücke sind das.

Ich würde wirklich jedem empfehlen alle Kleidungsstücke, die nicht mehr passen, auszusortieren. Wer es zurecht als Verschwendung empfindet die Sachen wegzuschmeißen, kann sie spenden oder sie über das Internet verkaufen. Jemand anderes freut sich sehr wahrscheinlich über so viele günstige Kleidung, die ihm passt. Kleidung ist dafür da getragen zu werden und nicht, um den Schrank unübersichtlich zu machen. Schließlich kann auch die Aussicht auf neue Kleidung ein Anreiz sein, seine Diät weiter zu verfolgen. Beim Kauf neuer oder auch gebraucht neuer Sachen kann man sich auf wenige schöne Teile konzentrieren, damit der Schrank übersichtlich bleibt. So enthält er bald nur noch die Teile, die einem passen und gefallen.

Häufig ist Kleidung viel  mehr als nur ein Schutz vor Witterung, die uns gut steht. Kleidungsstücke können höchst emotional sein. Gerade dann fällt es unter Umständen besonders schwer, sich von Ihnen zu trennen, auch wenn wir nie auf die Idee kämen, sie zu tragen. Das kann der Hut sein, den Großvater immer trug. Als Erbstück hat er seinen Weg in unseren Kleiderschrank gefunden und liegt nun dort ganz oben im Regal. Was für ein Mensch wären wir, Opas Hut wegzuwerfen? Aber vielleicht ist es auch ein ehemals teurer Wintermantel, der einen breiten Streifen auf dem Kleiderbügel einnimmt und den wir nie selbst tragen würden.

Bei emotionalen Gegenständen sollte man besonders ehrlich zu sich selbst sein. Löst dieses Kleidungsstück wirklich gute Erinnerungen in mir aus, oder macht er mich vielleicht eher wehmütig und traurig? Reicht vielleicht ein Foto von Großvaters Hut, um die Erinnerungen lebendig zu halten? Die Erinnerungen stecken schließlich nicht im Hut oder im Mantel, sondern in unseren Köpfen.

Letztlich gilt auch hier, dass ein anderer vielleicht noch viel Nutzen aus dem Kleidungsstück ziehen kann, das bei uns nur Platz wegnimmt oder uns sogar traurig macht.

Kleidung nur zu behalten, weil sie teuer war, ist wohl der unvernünftigste aller Gründe für einen vollen Kleiderschrank, aber absolut verständlich. Wer möchte sich schon eingestehen, dass er einen Haufen Geld ausgegeben hat und praktisch nichts von Wert dafür erhalten hat? So mancher teure Anzug verstaubt vor sich hin, weil wir nicht ertragen können, dass er uns nicht mehr gefällt, und wir nur noch einen Bruchteil seines Neupreises bekommen würden. So mancher trägt das ungeliebte Stück sogar nur alleine aus dem Grund, weil es einmal viel Geld gekostet hat. Ohne Zweifel ist es ärgerlich festzustellen, dass man auf einen teuren Modetrend reingefallen ist, aber das ist noch lange kein guter Grund sich bei jedem Blick in den Kleiderschrank wieder daran zu erinnern. Und auch hier gibt es vielleicht irgendwo einen anderen Menschen, der sich sehr darüber freuen würde, dieses Kleidungsstück tragen zu dürfen.

Wäre das unser Nachbar oder unser Freund würden wir wohl kaum zögern, ihm das Stück gratis zu überlassen oder zu einem Freundschaftspreis anzubieten.

Viele Kleidungsstücke behalten wir auch für eine imaginäre Situation in einer fiktiven Zukunft. Nehmen wir eine alte Kochjacke, aus einer Zeit, in der wir noch in der Küche gearbeitet haben. Vielleicht könnte ich diese Kochjacke irgendwann noch einmal brauchen, wenn …

… ich wieder in einer Küche arbeite.

… ich das nächste mal Koche, wenn ich Besuch habe.

… ich mich als Koch zu Karneval verkleiden möchte.

Ich glaube der beste Weg mit solchen Stücken umzugehen, ist auch hier ehrlich mit sich selbst zu sein. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese oder jene Situation eintrifft? Werde ich mich wirklich als Koch verkleiden? Werde ich wirklich damit anfangen Freunde zu bekochen, obwohl ich dies bisher nie getan habe? Werde ich wirklich wieder in der Küche arbeiten und wird mein zukünftiger Arbeitgeber dann nicht andere Kochjacken bevorzugen?

Die Wahrheit ist: Wenn man Dinge aufbewahrt für eine fiktive Situation irgendwann in einer fernen Zukunft, darf man demnach gar nichts mehr loswerden, denn für jeden Gegenstand lässt sich eine fiktive Geschichte erfinden, in der genau jener Gegenstand eine zentrale Rolle spielt.

Etwas anders sieht es aus, mit Dingen, von denen ich konkret weiß, dass ich sie in der Zukunft brauchen werde. Ich habe ein schwarzes Sakko im Schrank, das ich nur für Anlässe benötige, bei denen in der westlichen Welt an Anzug kulturell gefordert wird. Ich habe ihn schon auf Hochzeiten und Taufen, aber auch auf Beerdigungen getragen. So traurig das klingen mag: Die nächste Beerdigung kommt bestimmt. Das ist für mich kein fiktives Ereignis irgendwann in der Zukunft. Auch wenn ich dieses Sakko sehr selten trage, behalte ich es.

Ohnehin darf man einmal hinterfragen, wo diese Vorgabe herkommt, für jeden Anlass gesonderte Kleidung tragen zu müssen. Natürlich gehe ich nicht mit einem Trainingsanzug schwimmen und gehe nicht in Badehose Bergsteigen. Aber wo steht geschrieben, dass eine Frau bei jedem offiziellen Anlass ein anderes Kleid tragen muss? Warum benötige ich als Mann für jeden Anlass eine andere Krawatte? Wo kommen diese Konventionen her und wo bleiben die mutigen Männer und Frauen, die diese Mauern in den Köpfen bereit sind einzureißen? Wer macht die Mode und redet uns ein, dass wir uns daran halten sollen?

Vielleicht liegt es daran, da diese von außen vorgegeben Konventionen so wehement auf uns einprasseln, dass wir davon überzeugt sind, dass sie unsere eigene Überzeugung sind.

Wir selbst sind demnach auf diese Ideen gekommen und nicht etwa das Marketing über alle Medienkanäle hinweg, auf die Idee es würde uns Spaß machen, immer wieder loszuziehen und uns gemäß der neusten Mode zu kleiden. Die traurige Wahrheit scheint zu sein, dass es tatsächlich Freude auslöst.

Konsum macht glücklich. Kaufen macht glücklich, bisweilen löst es einen Rausch aus. Einen Kaufrausch. Unser Belohnungssystem im Gehirn feuert aus allen Rohren, wenn wir etwas neues in Händen halten. Mit allen Sinnen genießen wir den gesamten Vorgang, vom Anprobieren der Kleidung, über das Ritual eine Plastikkarte vor ein Lesegerät zu halten bis es wohlig zustimmend piept. Man beglückwünscht uns zum neuen Kauf, bedankt sich bei uns, wünscht uns einen schönen Tag und freut sich uns doch bald mal wieder zu sehen. Wo sonst werden wir so herzlich und freundlich behandelt, als beim Kauf von Dingen. Eben wie ein königlicher Kunde.

Und auch, wenn unser Verstand den Vorgang mit Leichtigkeit dekonstruieren kann und uns erklärt, dass wir vor allem so freundlich behandelt werden, weil wir unser Geld hergeben, das zuvor einmal unsere eigenen Lebenszeit war, so fühlen wir doch Glück.

Das Problem ist nur, dass dieser Rausch nicht lange anhält. Es ist eben nur Glück und keine Zufriedenheit. Es ist nicht das gleiche Gefühl, das wir nach einer langen guten Unterhaltung mit einem Freund haben, bei dem wir gegenseitig zu neuen Erkenntnissen gelangt sind.

Und weil das so ist und die Jagd nach dem nächsten Glücksmoment für die meisten Menschen zu ihrem täglichen Leben dazu gehört, sammeln sich die Schuhe an, die wir nie oder nur in unserer Phantasie in jenen fiktiven Zukunftsvisionen tragen. Bisweilen wird der Überfluss kultiviert, eine ganze Serienindustrie in Hollywood ist damit beschäftigt Menschen den Sinn und Zweck von begehbaren Kleiderschränken näher zu bringen. Und natürlich macht ein eigener Raum nur für Schuhe Sinn, wenn man unzählige davon besitzt. Der begehbare Kleiderschrank ist meistens ein Irrweg auf dem Weg zur Zufriedenheit.

Wir bilden uns häufig ein, bestimmte Dinge aus bestimmten Gründen zu brauchen. Wenn wir mit dem Jogging anfangen kaufen wir als erstes teure Laufschuhe und merken nach wenigen Läufen, dass uns dieser Sport gar nicht gefällt. Wir kaufen Dinge, um zu zeigen, dass wir den neusten Trend schon kennen. Wir kaufen Kleidung, um zu zeigen, dass wir uns einer bestimmten Gruppe zugehörig fühlen. Andere Kleidung kaufen wir, damit wir ernst genommen werden, als seriös angesehen werden. So haben wir viele Kleidungsstücke doppelt und dreifach. Jeweils in der Ausfertigung, sportlich, elegant und alltagstauglich.

Bis vor kurzem besaß ich zum Beispiel zwei Paar Winterhandschuhe, ein elegantes Paar, was hervorragend zu meinem Anzug passt und ein eher sportlich modernes Paar, so eins mit dem man sogar sein smartphone bedienen kann.

Die Wahrheit ist aber, dass ich im Winter nur ganz selten Handschuhe trage, da ich es viel bequemer und schöner finde, meine Hände tief in die Hosen- oder Jackentaschen zu graben und mit hochgezogenen Schultern durch die Kälte zu gehen.

Als ich mir das bewusst gemacht hatte, konnte ich die eleganten Winterhandschuhe mit Leichtigkeit spenden. Und ja, bei der nächsten Beerdigung im Winter, werde ich mit bloßen Händen in der Kälte stehen. Für eine halbe Stunde. Das werde ich verkraften. Ganz sicher.

Wer für jede Situation gewappnet sein möchte, braucht einen großen Kleiderschrank. Und meistens auch eine sehr große Reisetasche. Denn wer möchte im Urlaub schon auf seine vielen modischen Möglichkeiten verzichten?

Was man nicht besitzt, kann man nicht einpacken. Das ist eine banale Weisheit, hilft aber ungemein beim Packen einer Reise- oder Urlaubstasche. Früher habe ich für ein Wochenende so viel Kleidung eingepackt, dass man leicht hätte denken können, ich wollte ein Jahr in Übersee verbringen. Für jeden erdachten Fall, hatte ich vorgesorgt.

Schließlich könnte es ja kalt werden. Es könnte ja sehr kalt werden. Also mussten ein paar Wintersachen mit in die Tasche. Die eine Hose könnte zerreißen, über die zweite könnte ich mir ein Getränk kippen. Viele T-Shirts mussten mit. Viele Socken und am besten alle Unterwäsche, für jeden Tag doch mindestens ein Teil. Welche Schuhe anziehen? Zur Sicherheit also am besten so viele wie möglich. Gummistiefel für den Strand, Hausschuhe für das Haus, Sportschuhe für den Sport und zu den Hemden die eleganten Schuhe für den Fall, dass man in ein feines Restaurant gehen möchte.

Das alles hat mich unglaublich genervt. In meiner Vorstellung wollte ich gerne eine übersichtliche Anzahl von Kleidungsstücken besitzen, die ich mag und häufig trage. Tatsächlich schleppte ich aber Taschen voller Klamotten hin und her von denen ich 80% nie anzog.

Ich habe heute eine viel klarere Vorstellung von dem, was ich tragen möchte, als noch vor ein paar Jahren. Ich glaube, das nennt man, seinen eigenen Stil finden. Ich mag gerne Jeans und graue Kapuzenpullover. Auf der Arbeit trage ich eher ein Hemd. Damit decke ich 95% meines Outfits ab. Ich habe mich von der Vorstellung befreit, dass ich durch das Tragen spezieller Marken etwas über mich aussagen muss. Das Gegenteil ist eher der Fall. Mein minimalistischer Kleidungsstil ist meine persönliche Marke. Die kann zum Glück bei jedem völlig anders aussehen.

Von den Kleidungsstücken, die ich nicht mag oder die ich tatsächlich nie trage, habe ich mich zum größten Teil befreit. Der Rest gefällt mir und wird häufig getragen. Ich bin noch nicht ganz fertig. Eine Reihe von Teilen liegt noch in einem Karton im Schrank als Experiment, weil ich sie kaum brauche und eigentlich glaube, mich von ihnen trennen zu können, ohne dass es mir auffällt. Aber ganz so sicher war ich mir dann doch nicht, als ich sie in der Hand hatte und man sollte sich nur von Dingen trennen, wenn man dabei ein gutes Gefühl hat.

Abschließend will ich sagen: Beim minimalistischen Kleiderschrank geht es nicht darum, alles bis auf ein paar Teile wegzuwerfen. Man kann auch über Nacht 80% seiner Kleidung entsorgen und sich damit tief unglücklich fühlen.

Minimalismus und Minimalismus in Fragen Kleidung ist eine sehr persönliche Reise der Befreiung und nicht des Verzichts. Alles dreht sich darum, die für einen selbst unschönen und überflüssigen Dinge freizugeben und zu erleben wie es sich lebt allein mit dem schönen, was übrig bleibt.

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