Ist ganzheitliche Entschleunigung möglich?

Der Soziologe Hartmut Rosa ist nach intensiver Forschung zu dem Ergebnis gelangt, dass das Bauchgefühl vieler Menschen (meines auch) stimmt. Die Gesellschaft beschleunigt sich. Technisch, Sozial, Produktion. Die Videos von Hartmut Rosas Vorträgen auf youtube sind ein guter Einstieg in das Thema. Wer sich noch tiefer mit den Ideen von Hartmut Rosa beschäftigen möchte, dem empfehle ich den Podcast www.zeitgenossen-podcast.de und hier die ersten Folgen. Im weiteren sprechen Eugenia und Branko über die Hamsterräder unserer Gesellschaft. Sehr angenehm zu hören.

In einem Punkt will ich aber das Bild nicht wahrhaben was Herr Rosa malt. Wir seien im Grunde Menschen auf einem abrutschenden Hang. Die Gesellschafts-Lawine rutscht immer schneller den Berg hinab, hier und da könne man sich mal für eine Weile ausruhen und das Tempo rausnehmen (Auszeit, Sabbat-Jahr, Elternzeit, Jobwechsel, Stundenreduzierung), aber dem Grunde nach sei die Beschleunigung unserer Gesellschaft nicht mehr von uns selbst aufzuhalten. Was bremst, wird der Kollaps sein. Das mag vielleicht stimmen, gewiss wenn wir so weitermachen.

Aber die persönliche Entschleunigung des eigenen Hamsterrades, die will ich mir nicht absprechen lassen. Rette sich also wer kann? Und wie?

Wenn wir davon ausgehen, das aller Besitz auch Zeit kostet, war der Minimalismus ja gar kein so schlechter Schritt. Es stimmt. Da ist keine Sammlung mehr, die ausgebaut und gepflegt werden will, keine aufwendigen  und teuren Freizeitvergnügungen. Neuste Elektronik war lange Zeit sehr wichtig, jetzt soll ruhig alles bleiben bis es sein natürliches irreparables Ende erreicht hat.

Aber wie stark bremst der Minimalismus das Hamsterrad tatsächlich? Derzeit gehe ich davon aus, dass ich nach meiner Elternzeit statt 40 Stunden pro Woche auf 25 Stunden pro Woche reduzieren werde. Aber dreht sich das Hamsterrad dann wirklich langsamer? Oder bin ich nur kürzer darin unterwegs? Kann ich die frei gewordene Zeit dann in einer Art genießen, die nichts mit dem allgemeinen Lebenstempo unserer Zeit zu tun hat? Vom Highway des Berufsalltags runter bremsen auf Schritttempo ohne nervös zu werden. Ist das möglich?

Vielleicht hat Hartmut Rosa am Ende doch recht? Niemand entkommt der Beschleunigung der Gesellschaft gänzlich! Ich weiß nicht ob man nur Teilzeit gestresst sein kann. Ich habe für diese Fragen noch keine Antworten und werde sie wohl auch erst in den nächsten Jahren erleben.

Ich wünsche mir häufig eine gesteigerte Achtsamkeit, Ruhe und Ausgeglichenheit. Ob und zu welchem Preis ich das erreichen kann, werde ich noch in diesem Jahr herausfinden.

In einem haben die zeitgenossen Recht. Hartmut Rosa ist ein heiterer  Soziologe, aber das was er zu sagen hat, kann einen bisweilen schon ganz schön runter ziehen.

Wie steht es mit euch?

Kann man das persönliche Hamsterrad langsamer laufen lassen? Was sind eure Erfahrungen?

Marco Mattheis – 15.September 2015

5 thoughts on “Ist ganzheitliche Entschleunigung möglich?

  1. ganzichselbst

    Hallo Marco, du fragst: “Kann man das persönliche Hamsterrad langsamer laufen lassen?” Ich hab schon das Gefühl. Ich hab seit über 10 Jahren so viele materielle Dinge, aber auch ganz viele Verpflichtungen und Zeitfresser entrümpelt, und ich tue es immer noch kontinuierlich, so dass ich wirklich das Gefühl habe, aus den meisten stressigen Dingen ausgestiegen zu sein und mein eigenes Tempo zu leben. Ich bestimme meine Arbeitszeiten selbst, ich bestimme, ob ich heute an der Freizeitaktivät teilnehme, ich nehme mich gerade sogar aus einer Chorsaison raus (schweren Herzens, aber vor Weihnachten werde ich mir selbst dafür dankbar sein). Mein Onlinebusiness automatisiere und bündle ich immer mehr. In unserem Laden-Café führen wir auch Systeme ein, die uns alles erleichtern. Zur Zeit ist mir neben der Arbeit im Laden meine unverplante ruhige Zeit Zuhause in meinem minimalistisch eingerichteten weißen Zimmer – meinem Rückzugsort – oder zusammen mit meinem Partner einfach am Wichtigsten. Das hat oberste Priorität. Mein Leben ist wirklich recht entschleunigt.

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  2. Texterin Tanja Heller

    Mein Leben ist auch entschleunigt. Die Rush Hour mit Kind ist vorbei. Jetzt bin ich mal dran und genieße die Ruhe. Ich bin mir nie langweilig. Ich habe keine Lust auf Besuch. Wozu soll das gut sein? Also reagiere ich nicht die Androhung. Ich gebe zu, es ist Soft-Egoismus. Balkonpflanze? Brauche ich eine? Das meiste kann man weglassen. Dafür mache ich jetzt andere Dinge mit Leidenschaft. Z. B. einen Geschichtskurs. <3

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  3. Gabi Raeggel

    Ich habe seit einigen Jahren Teilzeit, das ist schon eine große Hilfe. Alleine reichts aber nicht. Ich achte zusätzlich auf allen Ebenen, den Gang immer wieder heraus zu nehmen. Den Perfektionismus runter zu schrauben, hilft mir auch sehr und diesen gelegentlichen Freizeit-Termin-Wahnsinn mache ich auch nicht mehr mit.

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