Ist das wirklich Minimalismus?

Habe vor ein paar Tagen seit langer Zeit mal wieder eine dieser „Sparfuchs-Dokus“ gesehen. Ich verzichte hier auf einen Link, man kennt sie: Leute, die versuchen maximal viel Geld zu sparen. Teebeutel werden mehrmals benutzt, kostenlose Zeitschriften besorgt, aus vielen kaputten Fahrrädern wird ein funktionierendes gebaut, das Essen aus dem Müll der Supermärkte gefischt (Stichwort Containern) usw. Die Doku stand unter dem Titel Minimalismus, vielleicht hat mich das verstört. Dabei habe ich überhaupt nichts gegen diese Lebensweisen, sind mir zumindest sympathischer als Luxuskaviar und blattgoldüberzogene Gebrauchsgegenstände.

Ich musste ein paar Tage darüber nachdenken, mittlerweile weiß ich, was mich daran gestört hat, maximales Geld einsparen mit Minimalismus gleichzusetzen. Dabei war es eher die Doku selbst als die Menschen darin, die dieses Bild erzeugt haben. Mir ist klar geworden, dass ich Minimalismus wirklich sehr eng begreife, nämlich auf das Reduzieren von Gegenständen, die ich mehr oder minder greifen kann. Auch digitales würde ich hier noch dazu packen. Alles was aus dem Reduzieren von Besitz resultiert, hat vielleicht seinen Ursprung im Minimalismus bzw. ist eng damit verbunden, ist für mich aber nicht das gleiche. 

Geldsparen ist etwas anderes. Sich vegetarisch oder vegan ernähren ist eben genau das. Kein Plastik besitzen zu wollen ist toll, aber ist das noch der Kern von Minimalismus. Gewollte Reduzierung der Arbeitszeit ist vielleicht eher Downshifting als Arbeitsminimalismus. Oder kann ich bei allem, was ich ablehne (häufig absolut zurecht !) einfach das Wort Minimalismus davor setzen? Ich gucke kaum Nachrichten. Bin ich jetzt ein News-Minimalist? Ich lehne körperliche Gewalt in nahezu jedem Fall ab, bin ich jetzt ein Gewalt-Minimalist? Sind Benutzer der öffentlichen Verkehrsmittel automatisch Mobilitätsminimalisten?

Ich habe mit all diesen Begriffen meine argen Schwierigkeiten. Jeder mag das für sich selbst anders definieren, aber ich ziehe für mich die Grenze bei den Dingen. Besitz reduzieren, das ist für mich Minimalismus.

Man kann das Kontrovers diskutieren aber mir hilft das derzeit ganz gut um mich gedanklich abgrenzen zu können und aufzupassen, dass ich nicht alles unter dem Thema Minimalismus einordne, nur weil ich es für mich persönlich ablehne.

Also, wo zieht ihr die Grenze? Wo hört bei euch der Minimalismus auf und fängt ein anderes Thema an?

6 thoughts on “Ist das wirklich Minimalismus?

  1. Danie S.

    Ich kann dich verstehen. Klar kann man jetzt komisch auf all diese Fokus und Leute schauen, die ein falsches Verständnis von Minimalismus haben.
    Vielleicht meinst du mein deinen Beispielen ein „gutes und einfaches Leben“. Umschreibt es vielleicht besser…
    Aber Geiz bleibt Geiz, wenn es nur den Sinn hat, möglichst viel Geld auszugeben.

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  2. FashionqueensDiary

    Minimalismus bedeutet für mich vor allem, einen “gesunden” Bezug zu meinen “Sachen” zu haben. Nichts von allem in doppelter und dreifacher Version. Nichts besitzen, was ich ohnehin nicht brauche oder andere (!) für wichtig halten. Alles in Maßen, nicht in Massen..

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  3. saramago

    interessanter beitrag. habe einen minimalismus-begriff am laufen, der sich auf die abhängigkeit materieller/digitaler/personeller art und auch auf konsumierende gewohnheiten/tätigkeiten erstreckt. nach meinem begriff beschreiben bspw. deine beitrage zum nachrichtenkonsum oder multitasking auch minimalistisches verhalten.

    möchte mich aber nicht als minimalist oder irgendwie bezeichnen. ich interessiere mich fürs thema und reduziere auch einiges. unsere sog. identitäten sind m.m.n. unminimalistischer weise schon so vollgeklebt mit post-its die beschreiben sollen wer wir alles sind und wieviele (ja gut spruch ist geklaut). post-its auf denen beruf, religion, fußballvereinsvorlieben, nationalität,[…], über parteipräferenz und ein haufen anderes zeug steht…gruselig für mich aber ein anderes thema.

    um die aufgeführten beispiele etwas zu verdrehen:
    vielleicht sind plastik-, zucker-, fleisch-, schuh, kaffee, alkohol oder sonstwas-verzicht fälle, hinter denen auch die motivation des minimalismus stecken kann. sind ja alles sogar materielle dinge(eng mit gewohnheiten verbunden),die reduziert werden bzw. auf die verzichtet wird, verknüpft mit einer reflektierten haltung zu diesem oder jenem.
    die im ersten absatz aufgeführten handlungen (teebeutel, fahrrad, container) befreien teilweise von etwas sehr materiellem, nämlich > geld als zeit um in den container zu hoppsen und essen rauszuholen oder ein fahrrad zu reparieren] ).
    zugegeben das beispiel hinkt sobald ein bußgeld wegen containerns ins spiel kommt, aber das motiv des minimalismus könnte ich erkennen, wenns mir jemand so erklärte.
    interessant ist dann hier am ende auch die frage: “tut jemand diese dinge um unabhängiger vom tauschmittel geld zu werden, oder um von und mit dem eingesparten geld einen geldspeicher in entenhausen zu errichten?” erstere Absicht verstünde ich eher als minimalistisch sein, zweiteres dann eher als geizig sein.

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    1. Marco Mattheis

      interessanter Gedanke, dass du zu deinen bisherigen Rollen jetzt nicht noch eine weitere als Minimalist dazu haben willst. Ich wollte mit dem Artikel vor allem für mich eine Abgrenzung ziehen. Viele gute Gewohnheiten kleben ganz eng am Minimalismus mit dran, aber für mich fängt eben alles bei den Dingen an. Klar, dass man wohl ganz automatisch weniger Dinge kauft, wenn man ohnehin bemüht ist nur das für sich nötigste zu besitzen. Das ist meiner Meinung nach ohnehin das spannendste, wie es die Menschen verändert, wenn sie sich einmal von den für sie überflüssigen Dingen losgemacht haben.

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  4. Gen

    Für mich bedeutet Minimalismus ebenfalls in erster Linie Besitz zu reduzieren und auf unnötigen Konsum zu verzichten. Minimalismus kann Geld sparen, weil eben weniger konsumiert wird. Er muss es aber nicht, wenn nämlich zwar weniger, aber dafür höherwertigere Güter gekauft, mehr Erlebnisse finanziert oder eben einfach weniger gearbeitet wird und daher weniger Geld reinkommt.

    Das, was möglicherweise danach kommt (Verzicht auf Multitasking, Plastik, tierische Produkte), ist für mich kein Minimalismus mehr, sondern bewusstes Leben. Das bewusste Leben verstehe ich hin wieder als Überbegriff. Minimalismus (= wenig besitzen und konsumieren), Nachhaltigkeit (= Verzicht auf Plastik, Tierprodukte), Gesundheitsbewusstsein (= Verzicht auf Kaffee, Alkohol, industriell gefertigte Lebensmittel) etc. sind Unterbegriffe des bewussten Lebens.

    Extreme Sparfuchsigkeit finde ich jetzt auch nicht minimalistisch. Die Sparfüchse, die ich kenne, horten eigentlich alles, was sie kriegen können, wenn es billig oder kostenlos ist. Wegwerfen können sie auch kaum etwas. Das hat ja mal Geld gekostet 🙂

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