Macht Autofahren gedankenlos?

Gefährliches Hobby dieser Minimalismus. Je freier einer von den Dingen wird, desto mehr Blick hat er für die Welt und die Menschen um einen herum. Vieles davon nervt, weil unnötig. …

Ich stehe wartend vor einer geschlossenen Bahnschranke. Es müsste sich doch auch unter den einsamsten Autofahrern mittlerweile herumgesprochen haben, dass diese Schranken lange verschlossen bleiben. Lange genug um für einige Minuten den Motor abzustellen. Weil es Sprit spart, meinetwegen. Aber wenn das nicht, dann doch wenigstens um Menschenleben zu retten, zumindest zu verlängern. Meines zum Beispiel. Oder das meiner Tochter im Kinderwagen (völlig emissionsfrei betrieben). Oder das der Schwangeren auf der anderen Seite, ja meinetwegen sogar des betagten Rauchers auf der anderen Seite.

Ja, jetzt darf lamentiert werden über diesen weiteren Weltverbesserer, der hier schreibt. Es rettet nicht die Umwelt den Motor abzustellen, es spart keine Unsummen von Geld, im Winter bleibt sogar die Heizung stehen und wer könnte garantieren, dass nicht der Anlasser übergebühr belastet wird von hunderten von extra Zündungen pro Jahr.

Was bleibt ist eine moderne Form der Höflichkeit. Ein Blick zur Seite verrät es dem geneigten Mitmenschen und Autofahrer, da steht ein anderer, nicht geschützt durch Tonnen von Stahl vor dem was man selbst da hinten auspustet. Es mag ja auch immer sauberer werden, dieses Abgas, zum Selbstmord reicht es allemal noch und ich Laie wage die Behauptung: Das Einatmen von Abgasen schadet der Gesundheit. Jetzt glaube ich nicht, dass die anderen mich direkt schädigen wollen, es ist mehr diese Gedankenlosigkeit, die mir zu schaffen macht und die ich seit längerem immer häufiger beobachte.

Es ist das gedankenlose Zuparken eines Autos mit Kindersitz, es sind die in Plastik verpackten Bananen, das hundertfache grußlose Vorbeilaufen selbst auf ruhigen Wegen, die fehlende Einsicht, dass Rauchen auf Schulhöfen aus gutem Grund untersagt ist. Kurz: Jeglicher Gedanke an die Folgen (auch die ganz direkten, die ganz unmittelbaren) des eigenen Handelns, werden millionenfach wegrationalisiert im Verhalten ganz normaler Menschen.

Vielleicht Einbildung, doch je weniger ich mich nur um meinen Kram kümmern muss und mir die Zeit nehme den Blick zu weiten für die Menschen um mich herum, desto mehr fällt sie mir auf, diese Gedankenlosigkeit.

Zum Glück gibt es sie aber auch noch, die ganz anderen Momente, in denen auch der Gegenüber zu erkennen scheint, dass ein anderer nicht nur im Kopf hat, was er noch alles machen will, sondern ganz im Hier und Jetzt ist.

So sitze ich auf einer Bank am Wegesrand und füttere mein Kind, komme mit einer Frau ins Gespräch. Ich mache einen Scherz über die fehlenden Haare meiner Tochter, die Frau springt darauf an, zeigt auf das Tuch auf ihrem Kopf. Sie hat auch keine, sagt sie. Brustkrebs, Chemotherapie. Etwas schönes passiert, da sammelt niemand Mitleid ein, auch bin ich zum Mitleiden heute nicht gemacht. Am Ende gehen wir lachend auseinander, sind uns sicher, Baby und Bestrahlte, beide werden schon noch wieder Haare kriegen.

(Marco, 13.August 2015 – minimalismusblog.wordpress.com)

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