Fallhöhe reduzieren

Ich schaue und höre offenbar die falschen Dokus und Podcasts, um mit gewohnt kuschliger Blindheit weiter durch meinen Alltag zu laufen. Da ist die Rede von der Begrenztheit aller Ressourcen, die unser heutiges moderne Leben ausmachen. Öl und Energie im Allgemeinen, seltene Erden, fruchtbarer Boden, dazu hundert tausende von riesigen Müllhaufen, die wir überall auf der Erde verbuddeln, Müll den wir verbrennen und in Form von Dioxiden wieder aufnehmen. Böse Unternehmen, böse Politik, böse Lobbyisten. Dabei ist es Müll, den ich selbst in den Mülleimer werfe.

Dann ist da ein Niko Paech (zum Einstieg empfehle ich youtube und die letzten Folgen des zeitgenossen-podcast.de), der sehr logisch, nicht weniger als den Untergang der modernen Gesellschaft skizziert und empfiehlt schon heute sich auf das Wesentliche zu reduzieren, nach Möglichkeit Dinge so lange wie möglich zu benutzen, sie zu reparieren und sich in so vielen wie möglichen Lebensbereichen unabhängig zu machen.

Unabhängigkeit und Fallhöhe sind zwei Begriffe, die mir in den letzten Tagen nicht mehr aus dem Kopf wollen. Die eigene Fallhöhe des Aufpralls reduzieren, anstatt möglichst viele andere Menschen zu erreichen mit der Botschaft, dass die Party bald vorüber ist. Das sagte Eugenia Allerdings in der letzten Folge (29) des zeitgenossen podcasts. Das geht weiter über den eigenen bisher gelebten Minimalismus hinaus.

Wie groß ist eigentlich meine Fallhöhe mit dem Wunsch mal die Welt zu bereisen? Mit der Erwartung auch in 30 Jahren noch bezahlbare Elektronik kaufen und nutzen zu können? Wie sehr täte es mir weh, das alles nicht mehr zu können?

Trotz allen Minimalismus (den ich ja nur auf die Dinge selbst beziehe), fühle ich mich in vielen Bereichen noch immer sehr abhängig. Ich bin abhängig von vier bis fünf Tassen Kaffee am Tag. Fleisch konsumiere ich ohne es recht wahrzunehmen. Fleisch, das ist das Schnitzel und das Steak, den Aufschnitt auf dem Brot am Morgen nehme ich gar nicht mehr wahr, so selbstverständlich ist der.

Zum Sport fahre ich dreimal die Woche mit dem Auto. Beim Laptop und smartphone ist es wie mit dem Mops. Ein Leben ohne ist möglich, aber sinnlos. Soweit meine eigene Schuld.

Ich bin aber auch im gleichen Maße wütend. Ein schlichter Lebensmitteleinkauf in einem typischen Lebensmittelmarkt: Ohne Plastik komme ich da nicht mehr raus. Und ich rede gar nicht vom Naturjoghurt. Süßkartoffeln sind gleich doppelt in Plastik verpackt, Bio Bananen sowieso. Nun weiß ich ja seit Niko Paech, dass es nachhaltige Lebensmittel bzw. Produkte oder Dienstleistungen eigentlich gar nicht gibt. Ein Produkt kann nicht per se nachhaltig sein, nur ein Lebensstil kann es sein. Was bringt die Bio Banane, wenn ich sie in meinem Auto 15 km nach Hause fahre. Dann lieber herkömmlich aber zu Fuß.

Zurück zur Wut: Ich will diesen ganzen Müll nicht mehr. Ich! Niemand anderen will davon überzeugen. Nur mich.  Nur selbst unabhängiger von einigen Dingen werden, ohne gleich zum Extremisten werden zu müssen. Oder muss man das vielleicht?

Den Müll lass ich übrigens jetzt noch konsequenter als jemals zuvor im Laden und überlege mir schon beim Einkauf, ob es dieses oder jenes wirklich sein muss. Meine eigene Fallhöhe ist mir gefühlt noch viel zu hoch.

Normalerweise fordere ich nicht zu Kommentaren auf, aber diesmal würde mich eure Meinung besonders interessieren. Beschäftigt sich da einer zu sehr mit dem Untergang der Welt oder alle anderen zu wenig?

Marco Mattheis, 26.Oktober 2015

2 thoughts on “Fallhöhe reduzieren

  1. Tanja Heller

    Ja, auf einmal wird man wach. Ich kenne den Dreiteiler und habe Nico Paech in meiner Straße getroffen. Wir haben beide kein Auto. Dann finden wieder Begegnungen statt. Es war schön!

    Wie kannst du die Sachen leicht in deinen Alltag integrieren, frage ich mich immer. Meine Tochter + kleiner Bruder kennen alle Gemüsesorten weil sie ihren Gemüseberg jeden Tag schnippeln müssen von klein auf. Mit Papa. Der kocht gerne und super. Ich nicht. Gibst es in Witten einen Wochenmarkt? Dann kannst du ja schön einkaufen gehen, plastikfrei und das macht der Kleinen auch Spaß. Ja, es macht Umstände. Aber es lohnt sich. Ist ein schöneres Einkaufen.

    Unser Technikkram ist die Hölle in der Coltanmine. Finanziert den Kongokrieg. Also so selten wie möglich ein Handy, Laptop kaufen. Auch unsere Autos, die Metalle werden nicht fair gezahlt. Deshalb die Kriege. Man kann aber nur im Kleinen, in seinem eigenen Leben was ändern. So wenig wie möglich verbrauchen ist doch schon ein guter Anfang.

    Plastik ist die unsichtbare Gefahr. Durch das Festhalten am Kinderwagengriff hatte ein Mädchen die höchsten Werte in einer Familie trotz Plastikreduktion. Ich schaue, dass kein Kontakt zum Essen besteht. Auch die sehr alten Stecker an alten Geräten strahlen sehr. Sollte man nicht nehmen.

    Tja, es gibt viel zu tun. In die Produktgeschichten kann man nicht reinsehen. Ob regional kaufen besser ist, sei mal dahingestellt. Lange Kühlung! Es ist ein schwieriges Thema.

    Liebe Grüße – Tanja

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  2. Pingback: Fallhöhe reduzieren – 1 Monat später | marco-mattheis.com

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