Der Minimalist, der Vater und die “Freizeit”.

Sobald der persönliche Besitz maximal reduziert ist, wird es wirklich schwierig. Dann muss man sich – will man sich nicht verzetteln – auf ein paar wichtige Dinge im Leben konzentrieren. Alles gleichzeitig geht eben nicht. …

Derzeit ist mein Leben vollkommen ausgefüllt. Ich bin vor zehn Monaten Vater geworden, Zeit ist in jeder Hinsicht kostbarer geworden als die Jahre zuvor. Derzeit genieße ich noch die Freiheit von jeglicher Erwerbsarbeit (Elternzeit). Das klingt erstmal wie 10 Monate bezahlter Urlaub. Das täuscht. Mit einem kleinen wachen Menschen setzt du dich nicht mehr mit einer Tasse Kaffee für eine halbe Stunde vor den Laptop. Meine kleine Tochter ist mit ihren 10 Monaten sehr aufgeweckt (natürlich ist sie das, heute hat ja jeder Kinder, die schon vor ihrer Zeit alles können und überhaupt “schon unglaublich weit sind). Aufgeweckt heisst hier: Entweder ich spiele mit Holzklötzen oder das Teile smartphone und Laptop. Letzteres kommt aus vielerlei Gründen nicht in Frage. Am schönsten: Der Fernseher bleibt aus. Wir sind solche Eltern die glauben, dass es kleinen Kindern nicht gut tut herumzukrabbeln, wenn den ganzen Tag die Glotze läuft.

Es ist schön sich nicht mehr um irgendwelchen Plunder kümmern zu müssen. Alles was jetzt noch unnütz herumsteht, kann von mir aus auch der Zahn der Zeit haben. Die Playstation verstaubt, wachtever wurde zu watch( hardly)ever und alles was Hobby ist, wandert in die Nacht oder in den Mittagsschlaf meiner Tochter.

Es ist unglaublich bemerkenswert zu sehen, was über bleibt, wenn man keine Zeit mehr hat für unwichtiges. Bei mir hat es sich auf folgende Beschäftigungen eingedampft:

Sport: Tut gut und hält mich gesund (ich brauche meinen Rücken jetzt mehr denn je). 3x die Woche für 2 Stunden bin ich im Fitnessstudio, hier höre ich auch gleichzeitig meine Lieblingspodcasts und bleibe so in Verbindung mit der Welt.

Lernen: Dank babbel app kann ich in kurzen freien Momenten (Mittagsschlaf meiner Tochter) jetzt französisch üben . Die Schule hatte mir eigentlich schon eingehämmert, dass ich nicht begabt bin für Sprachen. Stellt sich heraus: Wenn man statt verbissenem Pauken mit Prüfungsstress sich mit Freude, spielerisch einer anderen Sprache annähert, bleibt unglaublich viel hängen. Das Hirn kann sich einfach nicht dagegen wehren, alles was wir regelmäßig drauf werfen, hinterlässt seine Spuren. Im Guten wie im Schlechten.

Lesen: Eine weitere Verbindung mit der Welt. Eine der schönsten, die es meiner Erfahrung nach gibt, einmal abgesehen davon selbst in die Welt hinaus zu laufen. Lesen kann man dank elektronischer Bücher (ich nutze dazu mein smartphone) überall. Sollen andere sich über Wartezeit ärgern, ich lese.

Schreiben: Worte sind ein schöner Umgang, ich pflege diese Freundschaft seit meiner Jugend regelmäßig (Tagebuch, blog, unzählige angefangene Bücher). Ich schreibe gerne: Neuerdings meistens in der Nacht.

Freundschaft und Partnerschaft: Freundschaften und Partnerschaft sind ebenfalls ein schöner Umgang. Sie sollte man pflegen.

Und das war es. Alles andere (abgesehen vom bewältigen des üblichen Alltags mit Wäsche und Müllentsorgung) ist alles über Bord gegangen. Und das ist auch gut so.

Die tägliche Übung: Mich in meinen Momenten auf diese schönen Dinge zu konzentrieren und sich bewusst zu sein, dass die eigene Zeit endlich ist.

“Freizeit” ist an dieser Stelle ein so schrecklich unpassendes Wort. Als wäre die Zeit mit der Tochter nicht weniger als die schönste und sinnvollste, die man bekommen kann. So wie ich jedoch auch in einer Partnerschaft nicht völlig in dieser aufgehen will, bleibe ich auch als Vater noch weiterhin ein eigenständiger Mensch mit eigenen Wünschen, Zielen und meinem Leben für mich alleine.

2 thoughts on “Der Minimalist, der Vater und die “Freizeit”.

  1. herrdingsbums

    [Ein bißchen offtopic] Hachja, die liebe Glotze. Eines der Besten Dinge, die ich in meinem Leben bisher getan habe ist – außer das Rauchen aufzugeben und Vegetarier zu werden – die Abschaffung der Glotze vor vielen Jahren. Gibt es eine sinnlosere, passivere Freizeit”beschäftigung” als Rumsitzen und in die Röhre starren? Dass andere Leute ihre Kinder (sogar schon Babys) vor den Fernseher setzen macht mich richtig aggressiv. Hier, Kind, setz’ dich hin und lass dein Hirn verkümmern, werde passiv, lebe in den Tag hinein, verschwende deine Zeit, sieh fern. Natürlich wird bei uns zu Hause mal ein Film geguckt oder Nachrichten, aber das war es dann auch schon.

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