Das richtige Maß?

In fast jeder Diskussion über Minimalismus, Besitz, Konsum und Ressourcenverbrauch im allgemeinen, kommt man schnell an den Punkt, an dem man nicht mehr klar abgrenzen kann, was das richtige Maß ist. Man lebt ja doch nur einmal, soll man sich da unnötig begrenzen und auf Spaß verzichten? Wieviel Besitztümer kann man überhaupt in welchem Umfang genießen?

Jeder kann ja einmal für sich selbst überlegen, ob er all seinen Besitz wirklich schon ausgekostet hat. Ist jeder Film, jedes Buch, jedes Hörbuch, jedes Musikstück schon zur Gänze durchdrungen? Hat man wirklich schon jede Facette erfasst und verstanden, oder doch nur schnell nebenbei konsumiert, weil doch so wenig Zeit und noch so viele Filme, Bücher und Musik zu hören ist? Heute schlimmer als jemals zuvor!

Wie soll ich bloß all die Filme, Bücher, Hörbücher und all die Musik in meinem Besitz voll auskosten, seitdem ich für alles eine Flatrate habe? Habe ich natürlich nicht! Weil ich weiß, dass es mich zum Fastfood-Konsum drängen würde. Ein Netflix Abo habe ich, ja, ich weiß also wovon ich rede. Noch nie habe ich so viele Filme angefangen und dann ausgeschaltet. Einen gekauften Film schaue ich in der Regel einmal pro Jahr. Sein Kauf hatte einen Grund! Es gibt Filme, die habe ich aber auch schon zwanzig mal gesehen. Es gibt Folgen der Drei ???, die habe ich so oft gehört, ich kann sie mitsprechen.

“Früh im Bett und früh hinaus, glaube mir, das zahlt sich aus”, sagt Sherlock Holmes in der Folge “Der Orientexpress” ziemlich am Anfang. Ich brauchte das jetzt nicht nachzuschlagen, diese Stelle kann ich auswendig. Was ich sagen will: Mehr Konsum führt nicht zu mehr Genuß. Es deprimiert eher alles haben zu können im Wissen, dass die eigene Lebenszeit begrenzt ist. Ich kann nur meine Erfahrung wiederholen: Es ist erfüllender ein Gedicht verstanden und auswendig zu können, als ein Dutzend gelesen zu haben.

Zurück zur Diskussion, auf eine höhere Ebene. Wie viel Konsum ist denn jetzt vertretbar? Was das allgemeine ethische Handeln angeht, haben wir auf diesem Planeten einen tollen Vordenker gehabt. Jeder hat wohl schon einmal vom kategorischen Imperativ von Immanuel Kant gehört. Wer es heute zum ersten Mal liest, dem sei das Nachlesen sehr nah ans Herz gelegt. Die goldene Regel geht sinngemäß so: “Handle nur nach der Maxime, von der du wollen kannst, dass sie gleichzeitig zum allgemeinen Gesetz wird”. Ich frage mich, wie es aussähe, wenn man dies auf den Konsum übertragen würde. Vielleicht also so:

“Konsumiere nur soviel, dass für alle anderen Menschen es möglich bleibt, genauso viel zu konsumieren”.

Das erschreckt im ersten Moment, denn mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich dann noch immer mehr nehme, als mir eigentlich zustünde, wenn ich wollte, dass alle Menschen gleich viel Rechte haben. Oder habe ich einfach mehr Anspruch auf Konsum, weil ich in Europa und speziell in Deutschland geboren wurde, hier in die Schule gegangen bin und hier arbeite, hier Geld verdiene? Führt das automatisch zum Recht auch mehr zu konsumieren? Fühlt sich nicht richtig an für mich. Aber wenn ich nur soviel verbrauchen will, dass für alle anderen Menschen auch noch genauso viel übrig bleibt, dann dürfte ich wohl einiges gar nicht mehr. Dürfte ich dann noch einen Laptop besitzen? Smartphone? Auto? Eine so große Wohnung? Flugreisen? So viel Fleisch? Ich fürchte nicht. Das ist die ethische Frage. Aber mal ehrlich, der folgende Gedanke liegt doch auch sehr nah: Warum sollte ich mich beschränken und verzichten, während alle um mich herum mit Vollgas durch die Welt brausen, dabei auf ihr smartphone schauen und laut Musik hören. Meiner Meinung nach aus einem sehr egoistischen Grund: Weil es auch (oder gerade da) auf einer Faltrateparty (und nicht anders kann man die heutige Konsumorgie bezeichnen) eben mehr Stil hat, genussvoll einen guten Wein oder einen edlen Whiskey zu trinken. Ein Getränk genießen, dessen Geschichte man kennt, während alle anderen um einen herum sich mit gepanschten Bier volllaufen lassen. Das ist mein Bild davon, wie ich konsumieren möchte. Das ist das Bild für das richtige Maß an Besitz und Konsum. Und das hat absolut gar nichts mit Verzicht oder Selbstgeißelung zu tun. Ganz im Gegenteil: Das ist Genuss.

Marco Mattheis am 10.Dezember 2015

4 thoughts on “Das richtige Maß?

  1. Rob Randall

    Das Tolle – und Schwierige – am Minimalismus und dem Weg dorthin ist, dass jeder seine eigene Balance zwischen Konsum und Verzicht finden muss. Und die Begründung dafür. Am einfachsten ist es ja, wenn am Anfang tatsächlich einfach das Gefühl der Befreiung steht, wie es bei mir der Fall war. Weil es auch viel besser zum eigenen Charakter und den Lebensumständen passt. Ich gebe dabei zu: Die ethischen Überlegungen stehen dabei hinten an. Aber auch dass kann man kategorisch wollen: Dass alle Menschen ein Leben führen, mit dem sie ihr “Wohlbefinden” maximieren. Dazu gehört dann auch, dass man sich selbst im Spiegel angesichts seines Konsums in die Augen blicken kann; oder dass man sein Verhalten ändert, wenn man feststellt, dass das 2. Auto, der größere Fernseher, die 100 qm statt 60qm Wohnung keinen Zuwachs an “Glück” mehr bedeutet.
    LG
    Maik

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  2. Tanja Heller

    Das Wenige macht auch keinen Sinn auf Dauer, merke ich. Ich genieße jede Jacke, die ich habe und könnte mir ständig eine neue kaufen und würde sie wieder genießen. Genau so mit Schuhen. Wollte mich wohntechnisch verkleinern. Das wird dann richtig teuer. Die kleinen Wohnungen sind echt schwer zu finden und für den Preis kann ich doppelt so groß wohnen. Einfachheit ist kompliziert. Nur so viel dass Überfluss nicht ein leeres, doofes Gefühl hinterlässt und man die Sachen irgendwann sowieso wieder wegwirft oder ver(sch)wendet. Bin wohl ein Badmessi. Da muss ich auch schon wieder Sachen aufbrauchen. die ich beim Umzug nicht mitnehmen würde.
    Übrigens darfst du in Läden nur die Umverpackungen zurückgeben, die keine Produktinformation sind. Z. B. die Schachtel der Zahnpastatube. Weil es da schon auf der Tube steht und der Karton überflüssig ist. Den Karton von Kartoffelpüree z. B. nicht. Du könntest ja probehalber im Garten oder auf der Terrasse schlafen, wenn du Probleme hast in ungewohnter Umgebung zu schlafen, ist mir noch eingefallen. Irgendwann kann man nicht mehr in geschlossenen Räumen schlafen wenn man das Draußenschlafen gewöhnt ist.

    Liebe Grüße
    Tanja

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    1. marcomattheis Post author

      Danke für den Tipp. Tatsächlich habe ich vor demnächst meine Bettdecke durch den Schlafsack (offen) zu ersetzen. In einem nächsten Schritt wäre dann der Garten dran usw. Ich bin eben der Typ, der eher langsam ins kalte Wasser geht.

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