“Da ich mit wenig auskam, konnte ich reisen.”

Es gibt Sätze, die brennen sich in das Gedächtnis wie heißes Eisen. Sie treffen einen zur richtigen Zeit, im richtigen Augenblick. Sie durchbrechen alle Schranken.

Ich sitze in der Küche und schreibe Tagebuch. Seit einigen Wochen habe ich mir angewöhnt nachts zu schreiben. …

Wer gerade Vater geworden ist, benötigt an dieser Stelle keine Erklärung, allen anderen sei gesagt, dass man mit Geburt eines Kindes automatisch Minimalist wird. Zeitminimalist. Ein unfassbar toller neuer Mensch tritt in ein Leben und wirft allen Plunder über Bord. All die überflüssige Zeitverschwendung, die einer am Tage bisher getrieben hat, macht Platz für schönste und anstrengendste Stunden.

Aber ganz kann ich von meinem alten Leben nicht lassen. Das Unnötige wurde gestrichen, das was mich positiv nötigt, mich nicht loslässt, kam in die Nacht. Das ist bei jedem etwas anderes. Bei mir sind es folgende Dinge: Lesen, Schreiben, Sport und Lernen. Ohne das kann ich nicht leben. Dreimal pro Woche nachts im Fitnessstudio. Ausgleich pur.

Dann das Lernen. Was das angeht bin ich ein unheilbar Erkrankter der Projektitis. Gute Freunde wissen, dass ich stets irgendein Projekt fahre, um neue Erfahrungen zu machen. Lernen ist für mich nicht das Sitzen und Pauken aus Schulzeiten. Lernen entsteht beim Leben, beim Ausprobieren, beim Versuchen, Scheitern wie Siegen. Unbezahlbar die Erfahrung, dass etwas von dem alle eine Meinung haben, wirklich nicht funktioniert, oder eben doch.

Das Schreiben kann ich nicht lassen. Ich schreibe schon sehr lange erfolglos. Jedenfalls wenn man Erfolg als eine Veröffentlichung bei einem Verlag versteht. Ich bin sogar noch erfolgloser, da noch nie ein Manuskript eingereicht.

Jetzt das Lesen, der Satz:  Er stammt von Andreas Altmann in seinem Buch Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend, Piper 2011). 

„Da ich mit wenig auskam, konnte ich reisen.“

Was für ein Satz für einen der gerade dabei ist, sich auf das Nötigste zu reduzieren, seinen Wahn überwinden will mit vollem Kleiderschrank zu reisen (erstmal so Urlaub zu machen). Es reist sich leichter, mit leichtem Gepäck. Das ist eine Binsenweisheit, nachzulesen in der Auflistung der Gepäckgebühren internationaler Fluglinien. Aber hier steht eben nicht „da ich wenig mitnahm, konnte ich reisen.“ Auskommen mit wenig ist der Faktor, der die Formal klein und kompakt macht. Da bin ich dran. Das will ich herausfinden. Da will ich hin. Dahin wo andere schon sind. Für mich die vielleicht erste richtige und wichtigste Reise.

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