Besitz, Eigentum und Konsum – Warum das eben nicht das gleiche ist.

Gestern eine schrecklich theoretische Podiumsdiskussion über Minimalismus gehört. Dabei wurde zwar auch ganz hohem Niveau diskutiert und Bezug genommen zu allem möglichen Theorien aus Psychologie, Soziologie und Geschichte.

Praktische Beispiele aus unserer Zeit waren aber eher Mangelware. Dabei ist doch gerade unsere Jetzt-Zeit so unglaublich spannend im Bezug zum Minimalismus.

Minimalismus ist ein -Ismus. Damit ist es – ja! – per Definition so etwas wie eine Weltanschauung. Und damit auch immer kritisch zu betrachten wie alle Weltanschauungen.

Es gibt sie eben nicht, die eine Weltformel, die eine Brille durch die alles gut wird. Auch der Minimalismus würde – von allen angewandt – nicht zwangsweise in den Weltfrieden führen. Auch zwei Minimalisten können sich über die Frage, was man wirklich braucht, die Fäuste ins Gesicht hämmern.

Trotzdem bin ich der Meinung, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn mehr Menschen Minimalisten wären. Das gleiche denken aber auch Dortmund Fans von sich und anderen.

Minimalismus ist aber eben doch mehr als nur ein reiner glaube. Es zeigt praktische Erfolge in meinem Leben und wie ich so höre, auch bei vielen anderen Menschen. Es lohnt sich also doch einmal genauer hinzusehen.

Minimalismus ist die Konzentration auf das Notwendige. Minimalisten versuchen so wenig wie möglich zu “haben” und zu konsumieren.

Und da fangen die Probleme schon an und die ersten Kritiker heben die Finger. Ist nicht alles, was wir tun, Konsum? Wenn ich mich hinsetze und zwei Stunden meditiere, ist das ja auch Konsum. Ich konsumiere eben eine Entspannungstechnik, und wenn ich ins Kino oder Restaurant gehe, konsumiere ich eben auch. Beides Konsum, also auch egal, was von beiden ich tue?

Versuchen wir einmal Ordnung ins Chaos zu bringen und fangen wir bei den Begriffen an.

Eigentum ist alles, was alleine mir gehört, worüber ich relativ selbst verfügen kann. Meine Hose und Kugelschreiber hören mir. Ich kann sie morgen wegwerfen oder verschenken.

Natürlich ist das vereinfacht. Ein abgezahltes Auto gehört auch mir und trotzdem darf ich damit nicht uneingeschränkt machen, was ich will. Ich kann es nicht einfach im Fluss versenken oder in der Innenstadt in Brand stecken. Im Normalfall, ist aber jedem klar, was Eigentum in diesem Sinne meint.

Als Minimalist versuche ich so wenig wie möglich Eigentum zu haben, was Platz wegnimmt, Gewicht hat bzw. in der realen Welt existiert. Als Minimalist lässt es sich häufig nicht vermeiden, dass am Ende des Monats noch mehr oder weniger viel Geld übrig ist. Das ist zwar auch Eigentum, nimmt aber keinen Platz weg. Wenn es einem damit irgendwann zu viel wird (man hat mehr Geld, als man konsumieren will), kann man zum Beispiel weniger Arbeiten und mehr Lebenszeit genießen.

Besitz ist eine andere Sache. Ich wohne mit meiner Freundin und unserem Kind in einem Haushalt. Ich habe hier viel Besitz. Ich besitze einen Fernseher, eine Küche, viele Stühle, Teppichböden, eine Couch etc. Das gehört mir aber nicht alleine. Vieles wurde zusammen angeschafft, vieles gehört (Eigentum) auch meiner Freundin und ich darf es liebenswürdigerweise mitbenutzen. Das ist auch einer der Gründe, warum ich trotz einiger Anfragen, nie ein Fernsehteam in unsere Wohnung gelassen habe. Weil es bei uns nicht so aussieht, wie man es sich bei Single-Minimalisten aus dem Fernsehen vorstellen würde.

Kritiker könnten jetzt sagen, dass einer, der viel besitzt, kein Minimalist ist. Von einigen Zuschriften weiß ich, dass das so manchen Minimalisten mit Kind und Beziehung umtreibt. Wer aber als Minimalist seinen Partner und seinem Kind ungewollt den Minimalismus aufzwingt ist vor allem eines: Eine echte Nervensäge. Wenn du das willst, musst du eben eine Straße weiter ziehen, dir eine Single-Wohnung nehmen und dort mit 100 Dingen auf dem Boden schlafen, damit irgendwelche fremden Leute dich einen echten Minimalisten nennen. Die gleichen Leute werden aber vermutlich im nächste Satz kritisieren, dass es dir ja auch super leicht fällt als Minimalist zu leben, weil du ja alleine wohnst. Bla bla.

Und auch Konsum ist nicht gleich Konsum. Es gibt eben doch einen Unterschied, ob ich einen Transatlantik Flug konsumiere oder einen Wein mit einem Freund konsumiere. Und erst recht, wenn ich mit überkreuzten Beinen mich auf meinen Atem fokussiere. Wer diesen Unterschied nach kurzer Erklärung nicht verstehen möchte, der möchte vor allem seinen eigenen Konsum nicht hinterfragt haben. Erlaubt ist häufig, was Spaß macht.

Die Argumentation geht dann ungefähr so: Ich habe dafür gearbeitet, ich habe das Geld übrig (oder habe den Kredit bekommen) und es ist legal. Dann darf ich es auch tun. Klingt logisch. Wer so argumentiert, darf aber nicht im nächsten Satz über “die böse Wirtschaft reden”, die angeblich Menschen ausbeutet und Steuerflucht betreibt (ist eben auch legal), darf nicht über “die bösen Banken” meckern.

Es ist eben nicht alles legitim (moralisch einwandfrei), was auch legal (gesetzlich nicht strafbar) ist.

Wenn ich meinen blog heute neu gründen würde, würde ich ihn vielleicht lieber mit dem Wort Suffizienz (googeln erlaubt) überschreiben, nun bin ich aber nun schon seit fast 10 Jahren bestrebt, weniger zu haben und “weniger” (weniger resourcenbelastend bei gleichem oder höherem Genuss) zu konsumieren und das passt nunmal besser unter den Begriff Minimalismus.

Es bleibt dabei: Minimalismus und ein suffizientes modernes Leben, lässt sich nicht auf eine kurze Formel bringen und ist ständig in Bewegung. Man könnte noch viel Diskutieren, über die aufkommende Tausch-Ökonomie, über den Unterschied zwischen einer DVD-Sammlung und Angeboten wie netflix oder amazon prime. Über Reparatur, den eigenen Anbau von Gemüse, von gemeinsam genutzten Waschmaschinen, von Wanderurlaub statt Städtetrips und und und.

Vor ein paar Tagen hatte ich den Eindruck, in meinem blog, hätte ich schon alles gesagt, was ich über “Minimalismus” zu sagen hatte. Nach dieser unglaublich niveauvollen, klugen aber langweiligen Diskussion, habe ich aber gemerkt, mehr Praktiker, die heute schon minimalistisch  (eben suffizient), sich zu Wort melden sollten. Es gilt Geschichten zu erzählen, damit möglichst viele Menschen sehen, dass es Spaß macht und eine echte Befreiung ist, sich von überflüssigem Eigentum, Besitz und Konsum zu lösen.

4 thoughts on “Besitz, Eigentum und Konsum – Warum das eben nicht das gleiche ist.

  1. Nanne

    Mir gefällt deine Einstellung zu Minimalismus mit Freundin und Kind. An sich hätte ich auch gerne weniger, finde es aber im Alltag mit Mann und Kind (und bei gewissen Sachen v.a. mit regelmäßigem Besuch) nicht praktikabel. Das ist völlig okay, wir haben weniger, mir ist es gerade auch bei Spielzeug und Co. wichtig, aber es ist eben mehr, als wenn ich einen Singlehaushalt oder einen ohne Kind hätte.

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    1. marcomattheis Post author

      Das Stichwort Besuch finde ich sehr interessant. Es ist eben nicht Mehrheitsfähig, wenn man seine Gäste bittet, sein Besteck selbst mitzubringen. Im Büro ist das ganz üblich, beim eigenen Geburtstag eher nicht. Wobei das manchmal sicherlich äußerst Gesprächsanregend wäre, wenn jeder seine eigene Tasse, Teller etc. mitbringen würde. Dazu gemeinsames Abspülen und der Gastgeber hätte praktisch keine Arbeit mehr. Wäre ja auch im Sinne einer arbeitsteiligen Gesellschaft wie der unseren. Aber das ist zumindest bei mir zu Hause nicht ohne weiteres möglich, bei dem Vorschlag käme das Veto-Recht meiner Freundin zum Tragen. Außerdem hat sie sehr schönes Geschirr für ausreichend viele Leute, das soll ja auch konsumiert werden.

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  2. Tanja Heller

    Gestern morgen ging mein Föhn kaputt. Hab mir den gleichen wieder bestellt und innerhalb 23 Stunden ist er schon dagewesen. Das war für mich Minimalismus weil minimalistischer Aufwand. Kurz dachte ich, ich könnte auch ein Repaircafé gründen oder in eine Stadt fahren, wo es eins gibt. Da könnte ich dann Kaffee trinken während der Föhn repariert wird. Ich bin aber leider nicht sehr kommunikativ. Für mich ist das Konzept also nicht lebbar. Ich will mich nicht unterhalten. Man muss unglaublich sozial sein, um Dinge zu teilen. Meist scheitert es daran. So hab ich auch letzten Sonntag die Kartons zerkleinert. Vielleicht hätte sie noch meine Nachbarin zum Umziehen gebraucht. Hab sie aber drei Tage nicht angetroffen und wollte die Kartons weghaben. Früher in WGs war das alles noch einfacher. Fazit: Mir geht es um minimalistischer Aufwand. Ob du glücklich mit den 100 Sachen in der Singlewohnung wärst, weiß nicht. Hatte auch schon zu viel abgeschafft und wiedergekauft weil die Wohnung ungemütlich wurde. Lg Tanja

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    1. marcomattheis Post author

      Das ist ein äußerst spannender Einwand zum Thema Repair und Community Kultur. Da mein iphone gerade erst kaputt gegangen ist, kenne ich diese Gedanken. Ich hätte kein so großes Problem mit einem Repair Cafe bzw. dem Zusammentreffen mit Leuten dort, aber ähnlich wie der Föhn, ist das smartphone ja ein Gerät, dass möglichst schnell wieder im Einsatz sein sollte. Bei mir gerade besonders, da ich demnächst zum zweiten Mal Vater werde und derzeit gerne erreichbar bin. Ich habe also in diesem Fall keine Zeit lange auf ein Repair Cafe zu warten und ein paar Anläufe zu versuchen, bis das Gerät wieder läuft. Und ja, der Aufwand sollte sich eben auch im Rahmen halten, vor allem wenn es einem keinen Spaß macht. Ich glaube aber auch, dass viele Menschen (ich eingeschlossen) darauf sozialisiert sind nicht um Hilfe zu Fragen oder sich mit anderen zusammen zu tun. Das mag in anderen Wirtschaftssystemen und Kulturen ganz anders und einfacher sein, es Bedarf also in unserer Wirtschaftsform eine gewisse Überwindung seinen Nachbarn um Hilfe zu bitten oder diese anzubieten. Das sehe ich auch so.

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